Medien : Die "Zeit": Die Doppelspitze

Ulrike Simon

"Substanz, Stil und Originalität" sollen die künftige "Zeit" prägen. So formuliert es Josef Joffe, der ab Januar 2001 gemeinsam mit Michael Naumann Chefredakteur der Wochenzeitung vom Hamburger Speersort wird. Am Donnerstag teilte Verleger Dieter von Holtzbrinck der "Zeit"-Redaktion die neue Personalkonstellation an der Spitze mit: Naumann, der noch bis zum Jahreswechsel als Staatsminster für Kultur amtiert, wird demnach neben Marion Gräfin Dönhoff, Helmut Schmidt und Joffe Herausgeber der "Zeit". Naumann wird sich mit Joffe vom 15. Januar an außerdem die Chefredaktion teilen. Die Doppelspitze folgt Roger de Weck, der (wie berichtet) "Die Zeit" verlassen wird.

Stellvertretender Chefredakteur bleibt Matthias Naß. Thomas Brackvogel, stellvertretender Verlagsgeschäftsführer, wechselt zurück in die Redaktion. An der Seite von Matthias Naß wird Brackvogel "Managing Editor" und stellvertretender Chefredakteur. Dies wird sich im Januar 2002 erneut ändern. Zu diesem Zeitpunkt wird Brackvogel in den Verlag zurückkehren und neben Rainer Esser Geschäftsführer des Zeit-Verlages.

Die "Zeit"-Stiftung hat bei derartigen Personalentscheidungen ein Mitspracherecht. Laut Redaktionsstatut ist "zur Berufung eines Chefredakteurs und dessen Stellvertreter sowie eines Herausgebers" die "Zustimmung des Kuratoriums der Stiftung erforderlich". Die Berufung darf "nicht gegen den erklärten Willen der absoluten Mehrheit jener Redakteure erfolgen, die mehr als zwei Jahre in der Redaktion tätig waren". Die Redaktion stimmte bereits am Nachmittag über die Personalien ab. Das Ergebnis stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erklärten Joffe und Naumann ihre Vorstellungen von der künftigen "Zeit": Es werde zu wenig über die "Zeit" geredet, sagten sie. Das Blatt müsse sich stärker ins Gespräch bringen. Der Weg dahin führe über originelle journalistische Ansätze, das gewaltige Talent der Redaktion und neue, zusätzliche Autoren - wobei auch einige frühere Namen zurückgewonnen werden sollten, betonte Naumann. Wichtig sei außerdem, dass sich die beiden Chefredakteure und Herausgeber "auf dem großen Medienmarkt tummeln". Ihre Aufgaben als Chefredakteur und Herausgeber wollen sich Naumann und Joffe abwechselnd teilen. Davon abgesehen wollen beide für alle Bereiche zuständig sein, wobei sich nach einer gewissen Zeit "die Neigungen wohl durchsetzen werden", Joffe also eher bei Politik und Wirtschaft, Naumann vornehmlich im "Leben" und im Feuilleton aktiv werden.

Ins Gespräch bringen will sich die "Zeit" auch durch ein breiteres Themenspektrum. "Mehr als die Hälfte der Nation ist an Sport interessiert, mehr als die Hälfte der Bevölkerung besteht nicht aus Männern", sagte Naumann - dies soll sich künftig auch in der "Zeit" spiegeln. Joffe ergänzte, es sei wichtig, dass sich das Blatt um gesellschaftliche Themen kümmere, um Fragen, "wie wir leben, warum wir leben".

Über die Zukunft des umstrittenen Ressorts "Leben" war in den letzten Tagen spekuliert worden. Joffe und Naumann erklärten, an dem nach Berlin ausgelagerten "Leben" festhalten zu wollen. Es sei wichtig, dass die Arbeit einer Redaktion provoziere. Ihr "großes Potenzial" werde weiter genutzt und ausgebaut. Stilistisch, journalistisch und grafisch müsse das "Leben" jedoch integraler Bestandteil der "Zeit" werden.

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