Zu PAPIER gebracht : Das Netz bestimmt mich

Ohne Internet zu leben, erscheint vielen inzwischen unmöglich. Doch selbst beim Sterben bleibt das Netz nicht neutral. Welche Macht will man dem Internet geben?

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Foto: Bettina Keller
Foto: Bettina Keller

Mein Bruder stirbt. Das ist eine traurige Geschichte. Ich habe ihn gleich gegoogelt, nur um festzustellen, dass es ihn nicht gibt. Er hat bislang keine digitalen Fußabdrücke oder Fingerabdrücke hinterlassen. Keine Fotos, keinen Text, er ist kein Mitglied in irgendeinem sozialen Netzwerk, nicht einmal eine Adresse oder Telefonnummer gibt es. Ich habe auch gleich den Satz „Mein Bruder stirbt“ gegoogelt, aber die Brüder, die da starben, waren nicht meine und ich hatte keine Lust, mich mit anderen sterbenden Brüdern zu befassen. Ich hingegen bin ein exzessiver Ego-Googler, zumindest dann, wenn ich hoffe, meine Autorenexistenz würde sich irgendwie ändern, weiten, lichten, aufhellen, mich bekannt machen mit Seiten meiner Existenz, die mir fehlen. Obschon ich an keinen Gott glaube, denke ich manchmal, der Typ, der ich bin und „Ich“ sagt, glaubt an magische Fähigkeiten des Netzes, so als könne das World Wide Web in die Zukunft sehen und mich mit einem Torsten Körner bekannt machen, der ich vielleicht einmal morgen oder in zehn Jahren sein werde.

Und ich frage mich, ob ich dadurch dem Netz eine Macht über mich zugestehe, die ich ihm doch gar nicht zutraue: Zu bestimmen, wer ich bin. Ich steckte in einer Sitzung, als meine Nachbarin auf ihrem Smartphone die Nachricht las, dass Otto Sander gestorben sei. Ich fuhr nach Haus, las die Online-Ausgaben der Zeitungen, überall war Otto Sander, der mir viel bedeutet, schon gestorben. Sogar die Nachrufe standen schon bereit. Wenn ich also die Zeitung aufschlage, dann warte ich schon auf die nächsten Toten. Verkürzt das Netz unsere Trauerzeit? Verkürzt es unser soziales Gedächtnis, weil es uns immer schneller und häufiger Emotionalität und Empathie abfordert? Oder nimmt sich das Netz seiner Toten in besonderer Weise an?

So bin ich auf Facebook mit einer Toten befreundet, die noch nach ihrem Tod neue Freunde gefunden hat. Wenn ich ihre Seite aufrufe, kommt mir ihr Tod unwirklich vor. Einmal haben wir uns, als sie noch lebte, hin- und hergeschrieben. Das war’s. Vielleicht sind auch andere Freunde bei Facebook gestorben und ich habe es gar nicht mitbekommen? Auszuschließen wäre das nicht, denn manche Freunde sah oder sprach ich nie. Mit dem Schriftsteller Wolfgang Herrndorf war ich weder hier noch dort befreundet, aber in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ habe ich an seinem Sterben teilgenommen.

Hat Herrndorf seine Leser auf Distanz gehalten oder uns einen intimen Einblick gewährt? Er schrieb am 15. Juli: „Niemand kommt an mich heran bis an die Stunde meines Todes.“ Mein Bruder, mit dem ich nie viel gesprochen habe, hat eine neue E-Mail-Adresse. Er lebt in einer anderen Stadt. Wer weiß, vielleicht lernen wir uns in den nächsten Monaten besser kennen? Vielleicht werden wir sogar Freunde? Er hat sich ein Tablet gewünscht. Ich freue mich darauf, ihm zu mailen. Ich stelle es mir tröstlich vor, wenn einer am Ende unseres Lebens sagt, „du bist einer, der gefunden wurde!“ Das muss kein Engel sagen und keine Suchmaschine.

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