Medien : Holtzbrinck: Besenübergabe

Ulrike Simon

Was war das für ein Staatsakt, als Mark Wössner den Vorstandsvorsitz von Bertelsmann an Thomas Middelhoff abtrat: Pompöse Feierlichkeiten mit tausend Gästen, per Video auf riesige Leinwände übertragen. Ganz anders bei Holtzbrinck. In 20 Minuten war die juristische Angelegenheit über die Bühne gegangen. Seit Donnerstagmorgen, zehn Uhr, ist nicht mehr Dieter von Holtzbrinck, 59, Vorsitzender der Geschäftsführung, sondern sein Bruder, Stefan von Holtzbrinck, 37. Die Übergabe und Verjüngung der Führung war lange geplant. Dieter von Holtzbrinck sagte, er habe sich zu diesem Schritt entschlossen, da ihn die Beobachtung anderer Verleger gelehrt habe, "wie man es nicht machen sollte". Die rechtzeitige Übergabe an Jüngere sei eine der wichtigsten unternehmerischen Einzelentscheidungen. Zumal der Nachfolger erneut ein Familienmitglied sei, sagte Dieter von Holtzbrinck am Freitag in Stuttgart: "Für mich ist heute ein schöner Tag." Er kümmert sich um die Belange der Verlagsgruppe ab sofort als Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Der Verleger bilanzierte die Entwicklung der Gruppe unter seiner Führung. Das Unternehmen steht heute auf vier gleich starken Säulen: Das Geschäftsfeld Belletristik und Sachbuch erwirtschaftete im Jahr 2000 1,1 Milliarden Mark, Bildung und Wissenschaft 1,3 Milliarden Mark; der Bereich Wirtschaftsinformation und überregionale Zeitungen (Verlagsgruppe Handelsblatt, "Zeit", Tagesspiegel) setzte 1,2 Milliarden Mark um, die Regionalzeitungen und Druckereien 1,1 Milliarden Mark.

Insgesamt beträgt der Gesamtumsatz rund 4,6 Milliarden Mark (plus elf Prozent). Hinzu kommen Beteiligungen bei elektronischen Medien (Radio, n-tv, Internet), deren Umsätze auf Grund der Minderheitsbeteiligungen nicht konsolidiert werden. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) beläuft sich auf 423 Millionen Mark. Das entspricht neun Prozent des Umsatzes und einem Anstieg im Jahresvergleich von 26 Prozent. Blieben die Investitionen von 150 Millionen Mark für neue Projekte ("Telebörse", Internet) unberücksichtigt, erhöhte sich dieses Ergebnis auf 573 Millionen Mark (12,5 Prozent). Die Eigenkapitalquote liegt zwischen 40 und 50 Prozent.

Betrachtet man die Entwicklung der Verlagsgruppe im Zehn-Jahres-Zeitraum, stellt man fest, dass der Umsatz seit 1990 (damals waren es 1,4 Milliarden Mark) jährlich um durchschnittlich 14 Prozent stieg. Auch der Auslandsanteil ist stark gewachsen: Betrug er 1990 noch zehn Prozent des Umsatzes, waren es zehn Jahre später 42 Prozent. Maßgeblichen Anteil daran hatte der Kauf der Macmillan-Gruppe mit ihren Buch-, College- und Wissenschaftsverlagen im Jahr 1995. Seit vergangenem Jahr ist die Gruppe zu 100 Prozent im Besitz von Holtzbrinck.

Von anderen Medienunternehmen unterscheidet sich die Verlagsgruppe Holtzbrinck insbesondere durch ihre Unternehmenskultur, die besonderen Wert legt auf dezentrale Strukturen und somit auf die Eigenständigkeit der einzelnen Verlagstöchter. Das zweite Kriterium ist die Qualität der Produkte. "Qualität geht vor Gewinnmaximierung", sagte Dieter von Holtzbrinck; das gelte auch für jene Produkte, bei denen Holtzbrinck eine gewisse Alleinstellung genieße - etwa bei Regionalzeitungen wie der "Saarbrücker Zeitung". Insofern gehöre auch die Gewinnorientierung zur Unternehmenskultur, allerdings solle sie nicht zu Lasten langfristiger Stabilität gehen. Kurzfristige Gewinne seien nicht die Sache der Verlagsgruppe Holtzbrinck, zumal der kürzlich bis 2020 verlängerte Konsortialvertrag regelt, dass der Löwenanteil der jährlichen Gewinne in die Verlagsgruppe zurückfließt. Entsprechend schloss Stefan von Holtzbrinck definitiv einen Börsengang der Holding aus; dies gelte auch für die Stammgeschäfte.

Dieter von Holtzbrinck übergebe seinem Bruder also "einen laufenden Betrieb, kein besenreines Haus. Ich übergebe ihm nur den Besen." Der neue Mann in Stuttgart versprach, die Werte und Geschäfte des Hauses traditionell weiterzuführen. Zu seinen Schwerpunkten wird zunächst ein Modernisierungsschub gehören, die Förderung von Talenten und Nachwuchs sowie eine Finanzierungsstrategie, die das Wachstum vorantreibt. Dabei stünden Partnerschaften und Allianzen im Vordergrund, daneben auch Akquisitionen.

Hohe Investitionen flossen im vergangenen Jahr in die Internet-Aktivitäten (Economy 1, networxs) - insgesamt betrugen die Gesamtausgaben rund 200 Millionen Mark. Bei den Regionalzeitungen investiert der Verlag in die technische Modernisierung. Hinzu kommt die Neugestaltung der Blätter, etwa der "Lausitzer Rundschau" und der "Main Post". Auf Grund der Entwicklung der überregionalen und der Kfz-Anzeigen erwartet der zuständige Geschäftsführer Axel Gleie insgesamt einen konjunkturbedingten Rückgang. Anzeigenrückgänge verzeichnet auch das "Handelsblatt", das 50 Prozent der Finanzanzeigen einbüßte.

Nicht zuletzt aufgrund der gestiegenen Papierpreise sind die Medienunternehmen allesamt angehalten zu sparen. Einen Stellenabbau wie anderswo schloss Holtzbrinck definitiv aus. Bei den überregionalen Zeitungen ist sich Geschäftsführer Michael Grabner sicher, dass sich die Wochenzeitung "Zeit" auf "denselben erfolgreichen Weg begeben wird wie der Tagesspiegel". Mit Blick auf die Beteiligung beim Nachrichtensender n-tv spielt Holtzbrinck mit dem Gedanken, die Anteile zu erhöhen, sollte es zu einer Änderung der Gesellschafterstruktur durch den Einstieg von RTL kommen. Allerdings dürfe dies nicht eine inhaltlichen Schwächung bedeuten. Auch hier gilt: Qualität vor Quantität.

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