Medien : „Ich biete mich nicht an“

Seit einem Jahr ist Michel Friedman zurück im Fernsehen. Ist er dort angelangt, wohin er gehören will?

Ulrike Simon

Der spannendste Moment mit Michel Friedman ist am Ende des Gesprächs. Seit einer Stunde sitzt er im Restaurant des Adlon, redet gestochen scharf, wie man es von ihm gewohnt ist, gestikuliert, trinkt einen Espresso Macchiato und raucht Zigarre. Und immer zittern seine Hände.

„Ich habe mein ganzes Leben gezittert“, sagt der 49-Jährige. Bevor er die Frage nach dem Warum weiter beantwortet, beugt er sich, zum ersten Mal während dieses Treffens, nach vorn und legt seine Unterarme auf den Tisch, so dass die Hände stillhalten. Ruhiger und zögerlicher als bisher sagt er: „Ich kann das nicht physisch beschreiben. Es ist Ausdruck dieses Bewusstseins, dass das Leben nicht sicher ist. Es gibt eine tiefe Grundangst in mir.“

Neben demTisch geht es ein paar Stufen hoch. Oben, fast unbemerkt in der Ecke, sitzen seine drei Leibwächter. Ja, er bekomme Drohbriefe, Menschen reagierten irrational auf ihn, im positiven wie im negativen Sinn. Aber da gebe es noch diese andere Angst: „Vor dem, was Menschen, die Welt, das Schicksal aus einem Leben machen können.“ Nur ein Prozent mehr Urvertrauen als Grundangst besitze er. Und dann erzählt er davon, was seiner Ansicht nach die Ursache war für das, was vor zwei Jahren als Friedman-Affäre bezeichnet wurde. Eine Affäre, in der es um Kokain, Frauenhandel und Prostitution ging. Das Urvertrauen, sagt Friedman, habe er seinen Eltern zu verdanken. „Als diese zwei Menschen so kurz hintereinander und so furchtbar krank starben und als dann wenige Monate später der dritte Mensch, der mir dieses Urvertrauen gab, Ignatz Bubis, starb, da begann die größte Krise meines Lebens.“ Diese Krise sei nun zu Ende. Jetzt habe er selbst eine Familie gegründet. Mit seiner Frau, der Moderatorin und Produzentin Bärbel Schäfer, hat Friedman seit acht Wochen einen Sohn. Eine Krise mit Happy End?

Ein Jahr ist es her, dass Friedman, der wegen seiner Affäre alle öffentlichen Ämter und Moderationen abgegeben hatte, sein Fernseh-Comeback gefeiert hat. Am 14. März 2004 strahlte der digitale Sender „13th street“ die erste Ausgabe von „Im Zweifel für … Friedmans Talk“ aus. Eine rechtspolitische Diskussionsrunde mit zwei Gästen, die im Anschluss an die Gerichtsserie „Law & Order“ gesendet wird und sich inhaltlich an die Serie anbindet. „13th street“, ein weithin unbekannter Kanal, tat viel, um von Friedmans Bekanntheit zu profitieren. Als Werbegag verschickte er damals ein Strafgesetzbuch, bei dem auf das „Betäubungsmittelgesetz“ verwiesen wurde. Im Presseheft hieß es, Friedman begrüße Gäste aus Politik und Wirtschaft sowie Prominente, „die mit dem Gesetz in Berührung kamen“. Friedman sagt, er höre davon zum ersten Mal: „Das war mit mir nicht abgesprochen.“

Friedman polarisiert. Die, die ihn nicht mochten, bekamen durch den Skandal „einen objektivierbaren Vorwand, und ich habe ihn selbst geliefert. Das ist etwas, was mich sehr ärgert“, sagt Friedman. Es ist nicht das Einzige. „Mich irritiert heute wie damals, dass ich der Einzige gewesen bin, der zum Thema wurde. Das soll mich nicht entlasten. Ich will das auch nicht bewerten. Das ist das Problem der Journalisten, nicht meines.“ Es stimmt, er war nicht der Einzige, der mit osteuropäischen, zur Prostitution gezwungenen Frauen verkehrt hatte. Es waren weitere bekannte Namen aus Sport, Politik und Medien dabei. Aber ein Freier macht sich nicht strafbar. Kokainbesitz hingegen steht unter Strafe. Friedman wurde Kokainbesitz nachgewiesen.

Heute ist die öffentliche Person Friedman im Aufsichtsrat der Wall AG, ist beim Aufbau-Verlag Herausgeber der politischen Bücher. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne in der Zeitung „News“, eine in der Münchner „Abendzeitung“ und kommentiert einmal wöchentlich beim Berliner Radiosender Hundert,6. Vor wenigen Monaten wurde er zum Präsidenten der Vereinigten Israel Aktion gewählt, jener Institution, die vom israelischen Parlament legitimiert ist, für den Staat Israel Geld zu sammeln für Einwanderer, die soziale und politische Integration. Seit einigen Wochen äußert er sich auch wieder öffentlich „als Bürger und Publizist“ und engagiert sich „für mein Thema, den Rassismus, den Antisemitismus und den Umgang mit Minderheiten“. Hinzu kommen alle zwei Wochen „Im Zweifel für …“ und seit Oktober donnerstags „Studio Friedman“ beim Nachrichtensender N 24. „Ich arbeite journalistisch und publizistisch genauso viel wie früher“, sagt er. Nur eines habe sich geändert. „Ein Viertel meiner wachen Zeit“ schenke er sich, seinen Leidenschaften, zu lesen und ins Kino zu gehen, und „den Menschen, die ich liebe und die mir gut tun“. Früher – und „früher“ bedeutet immer „vor dem Skandal“ – habe er sich das nicht gegönnt. „Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, dass das auf Kosten der Menschen gehen würde, für die ich mich engagiere – Minderheiten, Ausländer, Juden.“ Er habe immer das Gefühl gehabt, „dass ich die Verantwortung trage, die Talente, die mir geschenkt wurden, umzusetzen für die Engagements, an die ich glaube. Dadurch habe ich mit mir Raubbau betrieben.“

Und weil er jetzt so viel Luft habe, sich „ein Stück Privates zu schenken“, hat sich Friedman für das Sommersemester in Frankfurt an der Universität eingeschrieben, um Philosophie zu studieren. Vier Semester braucht er, besucht Vorlesungen, macht Scheine, dann will er promovieren. „Ich freue mich darauf wie ein Kind.“

Es beschleicht einen das Gefühl, es gebe da etwas, was Friedman zum vollkommenen Glück fehlt. Auch, wenn er das bestreitet. Wie ist das, wenn ihm Gäste absagen, weil ihnen seine Quoten – bei N 24 kommt er auf 0,3 bis 0,4 Prozent – zu mickrig sind oder sie in ihm das auf Bewährung moderierende Schmuddelkind sehen, das es verwirkt hat, sich als moralische Instanz aufzuspielen? Und: Fühlte sich Friedman, der streitbare politische Kopf, bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht besser aufgehoben?

Wie so oft während des einstündigen Gesprächs erinnert er gebetsmühlenartig daran, dass er sich schließlich „ohne Wenn und Aber“ für sein Fehlverhalten entschuldigt habe. Zu einem Angebot von ARD oder ZDF sagt er: „Wenn ich ein Konzept und die Freiheit bekäme, so zu sein, wie ich bin, würde ich nicht zögern.“ Aber: „Ich biete mich nicht an.“ Jeder wisse, wie er sei und wo er sei. „Sie können nichts erzwingen. Das ist wie mit der Liebe.“ Entscheidend sei das Format, und da fühle er sich bei den Privaten wohl. Bei „13th street“ könne er unabhängig von der Tagespolitik mit zwei Gästen „ein wirkliches, ein sachorientiertes, nachdenkliches, intellektuelles Gespräch“ führen, und bei N24 könne er den „Advocatus diaboli“ spielen. Dass es da neben seiner noch eine zweite Talkshow bei N 24 gibt – „Was erlauben Strunz“ – bei der der Moderator Claus Strunz seine Gäste auf unterhaltsame, spielerische Art herausfordert und damit bessere Quoten erzielt, stört Friedman nicht. „Ich kann nur das, was ich mache, ich bin nur das, was ich mache. Diese Freiheit gönne ich mir.“ Friedman behauptet, er müsse niemandem mehr gefallen. „Was die private Eitelkeit angeht, da habe ich begriffen für mein Leben.“ Auf die Frage, ob er davon überzeugt sei, gut zu sein, sagt er: „Ja. Mit drei Ausrufezeichen.“

„Im Zweifel für…“, heute, 13th street, 21 Uhr 15. „Studio Friedman“ donnerstags, N 24, 23 Uhr 20.

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