Medien : „Ich bin Triebtäter“

Axel Ganz hat Dutzende von Zeitschriften gegründet. Jetzt, mit 68, fängt er nochmal von vorne an

Ulrike Simon[Hamburg]

Ursprünglich wollte Axel Ganz Regisseur werden. Regisseur oder Produzent. Um bei der Hochschule für Film und Fernsehen aufgenommen zu werden, musste man aber eine Lehre als Fotograf vorweisen. Also wurde Axel Ganz Fotograf und kaufte sich eine Leica. Um Geld zu verdienen, verkaufte er Fotos an Zeitungen, später schrieb er Texte zu den Fotos, aus den Texten wurden Reportagen. Schließlich landete er bei Gruner + Jahr und gründete im Lauf der Zeit fünf Dutzend Zeitschriften in zehn Ländern, machte vier Dutzend Journalisten zu Chefredakteuren und wurde Vorstand fürs Auslandsgeschäft. Diesen Posten hat er jetzt abgegeben, um – ja was wohl? – Zeitschriften zu entwickeln. „Ich bin Triebtäter“, sagt der 68-Jährige mit leuchtenden Augen. Verlagen wird häufig vorgeworfen, ihnen falle nichts Neues ein, es gebe zu viel vom Immergleichen. Grund genug zu schauen, was die Kreativität eines Axel Ganz ausmacht.

Beim Abendessen nach seiner letzten Vorstandssitzung bei Gruner + Jahr, dem Verlag, für den er 27 Jahre gearbeitet hat, erzählt er über sich, seine Arbeit, was ihn antreibt. So wie es der Wahlfranzose genießt, Geschichten zu erzählen, genießt er das Essen. Als es darum geht, den Wein und später den Käse auszuwählen, verfällt er, ohne es gleich zu merken, ins Französische. Pardon, sagt er dann und kehrt zurück zum südbadischen Singsang. Axel Ganz stammt aus dem Markgräflerland, wo er als Vollwaise bei der Großmutter aufwuchs.

Axel Ganz ist der unbestrittene Star von Gruner + Jahr. Er war es, der das Fundament dafür legte, dass G + J zu den internationalsten Verlagen gehört und fast zwei Drittel seines Umsatzes außerhalb der deutschen Grenzen erwirtschaftet. Er war es, der für G + J 1978, mit einem roten Samsonitekoffer und einer Reiseschreibmaschine ausgerüstet, nach Paris ging, um dort die erste Zeitschrift im Ausland zu starten. Daraus entstand Prisma Presse, der zweitgrößte Zeitschriftenverlag Frankreichs. Die Franzosen nannten ihn einmal „das Ass der Asse im französischen Pressewesen“. Auch die Expansion in andere Länder trieb der Kosmopolit für G + J voran. Über sich selbst sagt er, er fühle sich auf der ganzen Welt wohl. Er betreibe, wo immer möglich, „cherry-picking“. Er sei jemand, „der sich von allem das Schöne herauspickt. Was mir nicht gefällt, verdränge ich, manchmal nehme ich es nicht einmal war.“

Wie stolz G + J auf seinen Axel Ganz ist, zeigt eine Geste des ehemaligen Vorstandschefs Gerd Schulte-Hillen. Früher, als es im Verlagsgewerbe noch verschwenderischer zugehen durfte, verschickte er zur Weihnachtszeit Holzkisten mit je einer Flasche Wein aus jedem der Länder, in denen G + J Zeitschriften verlegt. Die Kiste war voll. Ein Einzelner konnte sie kaum tragen.

Welche Talente braucht es, um so viele Zeitschriften zu gründen? Wie geht das überhaupt? Anstelle einer Antwort erzählt Axel Ganz von seinem nächsten Plan. Da er ja jetzt, im „Ruhestand“, endlich wieder Zeit hat, frei von Routine und Konzernstrukturen Zeitschriften zu entwickeln, hat er mit Gruner + Jahr eine eigene Firma gegründet, an der er 25 Prozent hält. Ihr Name: AG+J. Enger hätte man sie nicht miteinander verweben können, seine Initialen und die des Verlags. „Ich fange total neu an, wie vor 28 Jahren“, freut sich Ganz. Vorgestern, erzählt er, sei er eine halbe Stunde deprimiert gewesen. Wie immer, wenn er etwas Neues erfindet, hat er sich einen Stapel Zeitschriften genommen und nach Seiten gesucht, die er rausreißen und neu anordnen kann, um daraus diese neue Frauenzeitschrift zu machen, die ihm durch den Kopf geht. Er blätterte sich durch den Stapel. Vergebens. Bis er gemerkt hat: „Das hieße ja, dass dieses Konzept völlig neuartig ist!“ Er machte sich erneut an die Arbeit. „Nach anderthalb Stunden war der Embryo entstanden“. Alles wirke schematisch, vage, aber die Ansätze seien zu erkennen. „Jetzt bin ich richtig geil darauf“, sagt Ganz und zeigt beim Lachen beide Zahnreihen. Mit seiner Beraterin Anne Chabrol, der frühere Chefin von „Elle“ und „Cosmopolitan“, werde er sich gleich morgen mit jener Frau zusammensetzen, die Chefredakteurin des Blattes werden könnte – falls sie seine Vision teilt. Wie die Vision aussieht? Ganz blickt suchend durch die Luft, sagt etwas von „nicht so konventionell“ und dass die Frauen von heute ästhetischer, visueller denken, dass er einen neuen Ton treffen, eine bestimmte Art von Humor vermitteln will. Schließlich hat er es: „Ich will, dass die Frauen, die darin lesen, wenigstens dreimal herzhaft lachen. Nein, richtig gackern sollen sie“. Wie er das sagt, mit leuchtenden Augen, hört es sich an wie „gaggarn“.

Wenige haben es zu so viel Output gebracht wie Ganz. Mit Kreativität allein ist es nicht getan, sagt er. „Jede Idee ist nur so gut wie ihre Umsetzung.“ Er sieht es als Mangel an, dass so wenige Journalisten bereit seien, ins Management zu gehen, Verantwortung zu übernehmen, sich „zum Unternehmen zu bekennen, sich mit ihm zu identifizieren“. Woran das liegt? „Journalisten wollen von ihresgleichen geliebt werden. Und das werden sie nicht, wenn sie Kosten senken oder notfalls auch mal ein Blatt einstellen.“ Dabei müsse man sich bewusst sein: „Publizistische Produkte folgen wie jedes andere Produkt demselben wirtschaftlichen Zwang: Erlöse minus Kosten gleich Ergebnis. Erst ein positives Ergebnis schafft Freiräume, damit Redaktionen anständig arbeiten können.“ Damals, als er bei Burdas „Freundin“ in Offenburg zum ersten Mal Chefredakteur wurde und ein unwirtschaftliches Blatt führen musste, habe er sich vorgenommen: „Nie wieder“. Es macht schlechte Laune. Und abhängig.

Mitarbeiter zu führen, zu delegieren, das habe er nicht von Anfang an gekonnt, räumt Axel Ganz ein. Und erzählt, etwas melancholisch, wie sie ihn in Paris bei Prisma Presse kürzlich verabschiedet haben. Hunderte von Mitarbeitern hatten sich auf der Straße versammelt. Wie einen Rockstar hätten sie ihn gefeiert und ihm applaudiert.

Ein Piano haben sie ihm geschenkt. Jetzt wird er endlich Klavier spielen lernen. Er hat sich extra ein elektronisches mit Kopfhörern gewünscht, damit ihn beim Üben niemand hört. Ach ja, und sein Italienisch will er auffrischen. Dann viermal im Jahr zu G + J nach Hamburg fahren. Dort rückt er in den Aufsichtsrat. Und hin und wieder in Saint Germains und auf der Place des Voges im Straßencafé sitzen und Menschen beobachten. Denn so viel steht fest: „Ich bleibe für den Rest meines Lebens in Frankreich.“

Produzent oder Regisseur wollte er werden, weil er Spaß daran hat, Geschichten zu erzählen und zu inszenieren. Als Fotograf erwarb er den Blick für die optische Umsetzung von Geschichten. Als Journalist lernte er, mit Texten umzugehen und entwickelte, wie er sagt, „ein erotisches Verhältnis zu Zeitschriften“. Beste Voraussetzungen für eine Karriere als Blattmacher. Eine Karriere, die im Fall von Axel Ganz anhält.

Axel Ganz begann seine journalistische Karriere als Lokalreporter . Über Burda und Bauer kam er zu Gruner + Jahr .

Ende der 70er ging er nach Paris und begann mit dem Aufbau der französische Dependance von Gruner + Jahr.

Heute ist Prisma Presse der zweitgrößte Verlag in Frankreich und beschäftigt 1000 feste und 2000 freie Mitarbeiter.

Von Journalisten fordert Axel Ganz mehr unternehmerische Verantwortung . Er selbst hat gerade mit G + J einen neuen Verlag gegründet, um das zu machen, was er am liebsten tut: Zeitschriften entwickeln, vor allem Frauenmagazine .

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