Kolumne : Das Gestern stirbt nie

Seit es das Netz gibt, ist die Vergangenheit nie richtig vorbei, stellt unser Autor fest. Gut für The Smiths.

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Foto: Bettina Keller
Foto: Bettina Keller

Der Mond grinst schadenfroh und rund. Schlafloses Menschlein! Mitternacht, Zwielichtstunde. Ich sitze vor dem Computer und taumle auf Youtube durch längst verlorene Jahrzehnte. Meistens bleibe ich in den achtziger Jahren hängen. Meine Pop-Dekade. New Order, The Smiths, The Church. Ein dramatisches Jahrzehnt im Rückblick. Wald-, Welt-, Wiesensterben und Kalte Krieger.

Komisches Phänomen: In dem Augenblick, in dem die klassische Musikindustrie am Boden liegt und das Musikvideo very very old school ist, trifft man nun, im Dialog mit den Clips von gestern, seine Empfindungen von Vorgestern. Ich werde zum Retro-Popisten, wackle noch mal mit dem Kopf (voller Angst, er könne abfallen), öffne eine zweite Flasche Bier und fühle mich toll und lebendig wie ein Dinosaurierskelett. Abschied von Gestern? Geht das überhaupt noch? Trägt uns das Netz nicht alles nach? Pop lebt vom Augenblick, ist Augenblickgenuss, Verherrlichung des leichtgängigen Gefühls. Pop lebt vom Zufall. Und das Netz? Wird es den Zufall nicht ausrotten? Wird es nicht alles aufbewahren wollen? Ist es nicht längst ein schießwütiges Archiv, das die Gegenwart und die Zukunft unter Dauerbeschuss nimmt? Oder stimmt das Gegenteil? Können wir durch die immer dichtere Dokumentation des Vergangenen herausfinden, wer wir sind, was war, was gewesen sein wird? Wird uns das Netz helfen, eine feste Identität, ein gegenwartstüchtiges Bewusstsein zu entwickeln oder wird es uns fressen und unterminieren? Ist das Netz nicht längst ein antiquarisch agierender Historiker, der gewaltsam bestimmt, was war und sein wird?

Vermutlich sind solche Überlegungen bereits Teil einer sozialen Mumifizierung. Das Netz – und jetzt folgt ein bisschen Science-Fiction – wird uns eines Tages vollständig erfasst haben. Es wird nicht mehr bloß, wie auf Youtube, kollektive Popkünstler nachreichen, nein, es wird unsere jeweilige individuelle Bewusstseinssignatur aufbewahren. Wer will, kann noch mal eine bestimmte Trauer nachempfinden, einen Glücksmoment oder ein Liebesversprechen. Und irgendwann wird sich die Frage stellen, ob wir noch leben, obwohl wir längst tot sind. Dann bewahrt das Netz Stücke unseres Ich-Bewusstseins und vielleicht schlüpft jemand hinein in einen Berliner Journalisten-Zipfel aus dem 21. Jahrhundert. Wollen sie mal probieren, wie es ist, ein Grenzer an der deutsch-deutschen Grenze zu sein? Oder ein unglücklicher Schlagerbarde in der Hit-Parade? Oder Michael Jackson? Wollen sie fühlen, wie es war, als er starb? Sie können jeder sein. Und sind Niemand.

Der Autor ist Schriftsteller und Journalist.

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