Medien : Kulturjahr 2000: Das Ende der Privatheit

Ulrike Simon

Was bleibt in der Erinnerung vom Medien-Jahr 2000? Sicherlich das Zurschaustellen des Privatlebens und damit der Verzicht auf Privatleben, nur um berühmt oder doch zumindest reich zu werden. An "Big Brother" führte in diesem Jahr kein Weg vorbei. Ob nun geliebt wurde, gestritten, diskutiert oder einfach nur geplappert - seit diesem Jahr ist alles fernsehtauglich.

Früher musste man aus dem Adel stammen, Sänger, Schauspieler oder wenigstens Sportler oder Politiker sein, um sich mit Privatem bei einem breiten Publikum interessant machen zu können. Man musste etwas Besonderes können, Gutes tun oder wenigstens schön sein. Mittlerweile reicht es, Geliebte oder Ex-Freundin eines Schauspielers oder Sängers oder wenigstens eines Sportlers oder Politikers zu sein. Es reicht auch, einfach immer da zu sein, wenn irgendwo eine Kamera auftaucht. Und selbst, wenn sich ein unbekannter Mensch infolge zu hohen Alkoholgenusses nachts im Garten vor einem Containerhaus übergeben muss, ist es sendenswert. Hauptsache, es ist privat, wirkt authentisch oder bietet Stoff für den Voyeur. Damit ist auch ganz schnell Geld zu machen. Den passenden Moment abwarten, die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, alles Private nach außen kehren und so viel Geld abschöpfen wie möglich, denn morgen ist schon wieder alles anders. Dieses Motto haben die Medien 2000 zum Leitbild erhoben.

Doch so wie das Private in die Medien gekommen ist, dringen die Medien auch ins Privatleben ein. Und damit ist nicht die Zudringlichkeit irgendwelcher Paparazzi gemeint. Man lässt Medien ganz freiwillig an sich heran und gibt ihnen Gelegenheit, ihr Unwesen zu treiben. Das geht ganz einfach, solange die beiden Urwünsche nach Geld oder Liebe stimuliert werden.

Die drei schlichten Wörter "I love you" verursachten im Jahr 2000 kein Chaos in der Gefühls-, sondern ein Chaos in der Datenwelt. Die Liebeserklärung übers Internet verführte all zu viele dazu, erfahren zu wollen, wer da denn anonym seine Gefühle mitteilen will. Und schwups löste dieses hinterhältige E-Mail-Virus in den weltweiten Netzen eine Lawine aus. Einmal aktiviert, bahnte sich der Schädling seinen Weg zu den privaten Adressbüchern der Computerbesitzer, um sich von dort ungezügelt fortzupflanzen. Wie noch kein anderer Virus zuvor raste "I love you" von Computer zu Computer, von Land zu Land und Kontinent zu Kontinent - und hinterließ eine Spur der Verwüstung.

Wo jede Privatheit zur öffentlichen Angelegenheit wird, führte "I love you" der erstaunten Internet-Gemeinde vor Augen, dass das World Wide Web mehr ist als ein weltweites Nachschlagewerk oder ein Voyeurismus-Chanel mit Einbahnstraßen-Funktion. Einmal angeschlossen ist jeder erreichbar, werden aus Zuschauern Akteure - wenn auch bei dieser Virusattacke durchaus unfreiwillig. Wie schon bei den gezielten Angriffe auf Online-Shops und Info-Anbietern zu Anfang des Jahres zeigte sich plötzlich die andere, hässliche Seite der vernetzten Welt, wurden neben den Chancen auch die Risiken ins Bewusstsein gerückt. Vielleicht mit ein Grund dafür, dass im Internet die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen und sich bereits die ersten jugendlichen Surfer wieder anderen Hobbys zuwenden.

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