Nach 25 Jahren : „Thank you, Larry“

Eine Talk-Legende tritt ab – und wird von zwei US-Präsidenten verabschiedet. Seine letzte Sendung zeigte aber auch, warum es höchste Zeit für diesen Schritt war.

Friedemann Diederichs, Washington
Trotz laufender Scheidung: Zum Abschied hat sich Larry King seine Familie mit Noch-Gattin Shawn und den Kindern Chance (links) und Cannon vor die Kamera geholt. Foto: Reuter
Trotz laufender Scheidung: Zum Abschied hat sich Larry King seine Familie mit Noch-Gattin Shawn und den Kindern Chance (links) und...Foto: Reuters

Rote Hosenträger, schwarzes Hemd, die markante Hornbrille und das Mikrofon aus der 30er Jahren. „Es ist kein Begräbnis“, beginnt der Moderator seine letzte „Larry King Live“-Sendung bei CNN und blickt dennoch für einen kurzen Moment so, als müsse er eine Beisetzungsrede halten. Denn die 77-jährige Talk-Ikone sagt nach 25 Jahren an der Frage-Front Goodbye, diesmal assistiert von zwei jungen Co-Moderatoren: Bill Maher, dem politisch unbequemen Kabarettist, und Ryan Seacrest, dem jovialen Moderator von „American Idol“ – dem Vorbild von „Deutschland sucht den Superstar“.

Eine solche Adelung benötigt King schon lange nicht mehr. Doch vorsichtshalber lässt sich zum Abschied auch Barack Obama für einige Sekunden zuschalten: „Thank you, Larry“, gibt der Meister des vom Teleprompter abgelesenen Wortes dem Meister der höflichen Inquisition mit auf den Weg. Auch Bill Clinton, im letzten Vierteljahrhundert 28-mal bei King zu Gast, kommt kurz zu Wort: „Du warst super, Larry.“ Arnold Schwarzenegger ruft derweil einen „Larry-King-Tag“ für Kalifornien aus, und zwischendurch gibt sich andere Prominenz die Ehre: Donald Trump, Regis Philbin und die Riege der TV-Konkurrenten im Land – von Barbara Walters bis zu Katie Couric. Doch schnell wird klar, warum CNN unter die Ära King einen Schlussstrich zog. Die Konversationen verlaufen meist flach, die Gesprächspausen sind von Peinlichkeit geprägt, und der Gastgeber scheint gelegentlich Mühe zu haben, die Scherze der Gesprächspartner zu verstehen. Es ist eine konfuse Abschiedsvorstellung eines TV-Giganten, der seinen Zenith längst überschritten hat und dessen historische Fernsehhöhepunkte – wie die Moderation der legendären Autofahrt von O.J. Simpson durch Los Angeles – Dekaden zurückliegen.

Seit King im Jahr 2007 Ringo Starr und den verstorbenen Beatle George Harrison verwechselte und seit sich die Tage häuften, an denen er vor allem Belangloses fragte, mehrten sich die Stimmen, die King zum Aufhören rieten. „Zuletzt schien er oft keine wirkliche Verbindung zu den Politikern und Berühmtheiten zu haben, die er einlud“, beklagte Elizabeth Guider vom „Hollywood Reporter“ und führte eine Fragerunde mit Lady Gaga als Beleg dafür an, dass sich der Starmoderator nicht mehr ausreichend vorbereite. Andere sahen jedoch gerade dies als Stärke an – weil er sich so die natürliche Neugier erhalten habe.

Populär ist King, der seine Karriere als Lawrence Harvey Zeiger bei einer Radiostation in Miami im Jahr 1957 begann und dann schnell seinen Namen änderte, trotz sinkender Einschaltquoten und gelegentlicher Aussetzer bis zuletzt gewesen. Er profitierte vor allem vom Sendeplatz, der 21- Uhr-Abendshow (Ostküsten-Ortszeit) – denn die war ein „Muss“ für Prominente, die etwas zu sagen hatten. Und Larry, wie ihn alle seine Gäste bezeichneten, ließ sie in 7000 Interviews reden und vor allem ausreden: Von Simpson über die Clinton-Gespielin Monica Lewinsky und Marlon Brando bis hin zu Mahmoud Ahmadinedschad. King habe stets fair gefragt und seinen Gästen dann Zeit für ihre Antworten gegeben, beschreibt Christopher Weber vom Internetmagazin „Politics Daily“ eine der Stärken Kings.

Wirkliche Konfrontation gab es selten in seiner Show, und nun fiel er doch einer solchen zum Opfer: Dem erbitterten Quotenkrieg zwischen dem linksliberalen CNN und dem zum Rupert-Murdoch-Imperium gehörenden republikanernahen erfolgreichen Sender Fox News. Nun soll der in den USA weithin unbekannte Brite, 45-jährige Piers Morgan die Kohlen aus dem Feuer holen.

Über die Gründe für seinen Abgang sprach King im Detail nicht. Er wolle mehr Zeit für die Familie haben, so die offizielle Stellungnahme im Juni. Und, für die geschrumpfte Fangemeinde als Trost: Er werde ja weiter zu CNN gehören und Spezialshows bei wichtigen Anlässen moderieren. Dieser zögerliche Rückzug lässt erst in der letzten Minute der letzten Sendung erstmals wirkliche Emotionen aufkommen, als Larry King mit brüchiger Stimme und feuchten Augen den Zuschauern dankt und verspricht: „Bis bald“.

Doch insgesamt erleben die Zuschauer einen Abschied ohne Glanz. Vielleicht war aber Larry King zuletzt auch etwas abgelenkt. Zum einen hat der Herzpatient, der nach einem Infarkt im Jahr 1987 einen fünffachen Bypass bekam, bisher zwölf Bücher geschrieben – darunter auch einen Ratgeber für Kardio-Patienten. Zum anderen reichte er im April die Scheidung von der fast 30 Jahre jüngeren Shawn Southwick ein – für King ist es immerhin die achte Ehe. Derzeit versuchen sich beide an der Versöhnung und so sitzen die Noch-Gattin und die beiden Kinder beim Finale strahlend neben ihm. The „Larry King Live“-Show must go on. Bis zuletzt.

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