Medien : Rücksichtslos und frei

Verleger Ganske und Markus Peichl sind sich einig: Im November erscheint „Tempo“. Ein letztes Mal

Ulrike Simon

„Tempo“, das war in den 80ern die Zeitschrift einer jungen Generation von Journalisten, Fotografen und Illustratoren, die sich gegen den ihrer Ansicht nach „verlogenen Objektivitätsjournalismus“ einer arroganten Medienkaste auflehnten. Es war die Zeit von Aids, Tschernobyl und Kokain, von Tom Wolfes „New Journalism“ und Hunter S. Thompsons „Gonzo“-Journalismus. Im Ernsten entdeckte „Tempo“ den Spaß, im Spaß das Ernste und in der Provokation den Sinn fürs Ganze. 1989 fiel die Mauer, der erste „Tempo“-Redakteur ging den bürgerlichen Bund der Ehe ein, die Provokationen im Heft nutzten sich ab, der Erfinder und Chefredakteur Markus Peichl, heute Redaktionsleiter von „Beckmann“, musste gehen. Spätestens 1992 waren die 80er wirklich vorbei. „Tempo“ wurde noch vier weitere Jahre am Leben gehalten. Bis April 1996. Verleger Thomas Ganske musste sich nach Millionenverlusten bitter eingestehen, dass es schon lange keine Perspektive mehr für „Tempo“ gegeben hatte.

In der zweiten Novemberwoche 2006, zehn Jahre und sieben Monate nach dem Aus, wird „Tempo“ wieder erscheinen, kündigte Peichl am Donnerstag an. Die bei einem Ehemaligen-Treffen in Weinlaune entstandene Idee einer einmaligen, letzten Ausgabe wird Realität. 4 Euro 50 wird das Blatt kosten, 250 000 Exemplare werden gedruckt und gemeinsam von Ganskes Jahreszeitenverlag und Peichl herausgegeben und vermarktet. Die Redaktion wird in der Chausseestraße in Berlin-Mitte sitzen. Binnen drei Monaten will Peichl das Projekt stemmen – mit Leuten von früher, aber auch mit jungen Journalisten, „die heute für ,Tempo’ schreiben würden, wenn es so ein Blatt noch gäbe“. Herauskommen soll ein Heft, das einem Statement gleicht: „Ein Statement zum Hier und Heute.“ Peichl weiß: „Das ist kein Konzept für ein Periodikum, funktioniert aber für diese eine Ausgabe. Es ist an der Zeit für klare Aussagen.“

Der Mythos, der „Tempo“ umgarnt, soll nicht zerstört werden durch Nostalgie oder Bedeutungsschwere, sagt Peichl. Vielmehr versteht er das Projekt als ein Experiment. Viele Journalisten von damals gehen heute in Redaktionen von „B.Z.“ über „FAZ“ bis „Spiegel“ ihrer Arbeit nach. „Wir wollen wissen, ob wir es noch hinkriegen, etwas zu machen, was nicht die ausgetretenen Pfade bedient, auf denen wir uns mittlerweile herumtreiben.“

Peichl erinnert sich, wie die „Zeit“ „Tempo“ als „Magazin der Infantilgesellschaft“ verachtete. Er hofft, dass „noch immer genug Kind in uns steckt, um diesem Vorurteil noch mal gerecht zu werden“. Allerdings, fügt er hinzu: „In der ,Zeit’ steckt inzwischen so viel ,Tempo’, dass wir uns gehörig ins Zeug legen müssen, um das zu übertreffen.“ Peichl freut sich diebisch, noch einmal größtmögliche Freiheit zu genießen, keine Rücksicht auf irgendwas oder irgendwen zu nehmen. Nicht einmal auf eine zweite Ausgabe.

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