Medien : Sabans Welt

Wie der Chef von ProSieben Sat 1 in Los Angeles deutsche Werbekunden gewinnt

Ulrike Simon

Im edlen Anzug, aber mit offenem Hemdkragen begrüßte Haim Saban seine Gäste aus Deutschland. Dreißig Werbekunden hatte der neue Eigentümer des Fernsehkonzerns ProSieben Sat 1 Ende Juni zu sich nach Hause zum Barbecue eingeladen. Vertreter von Unternehmen wie Coca-Cola, Nestlé und Bitburger waren dabei – Werbekunden, die für die Sender Pro 7, Sat 1, Kabel 1 und N 24 sehr wichtig sind. Dazu kamen Chefs von Mediaagenturen, die entscheiden, in welchem Programmumfeld und zu welchem Preis der Spot für ein bestimmtes Produkt am effektivsten platziert ist.

Fünf Tage dauerte die Reise ins kalifornische Los Angeles. Zieht man die Zeit ab, die die Teilnehmer im Flugzeug saßen, blieben zwei Tage, die sie vor Ort verbrachten. Zwei Tage, die in Erinnerung bleiben. Nicht nur wegen des Beverly Hills Hotels, in dem Sabans Gäste untergebracht waren. Allein dafür, dass ihm im Hotel Robbie Williams über den Weg lief, habe sich die Reise gelohnt, schwärmt einer der Teilnehmer.

Das Programm für die deutschen Gäste war dicht gedrängt. So durften sie die berühmten Sony-Filmstudios besichtigen, sich vorab den Comicfilm „Spiderman 2“ anschauen und mit den Produzenten über das Making of diskutieren. Am Nachmittag ging es zur Aufzeichnung der Late-Night-Show von Jay Leno. Wie sympathisch und publikumsnah der sei, und wie die amerikanischen Zuschauer mitmachen – ganz anders als in Deutschland, wo das Publikum mit verschränkten Armen dasitzt, erzählt einer der Agenturchefs. Am Abend ging es dann weiter in die neue Walt Disney Concert Hall zu einer Spendengala für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry. Saban, berichten die Teilnehmer anerkennend, saß direkt neben Kerry. Unter den 4000 Leuten machten die dreißig Werbemenschen außerdem so prominente Menschen wie Neil Diamond, Barbra Streisand, Ben Affleck und Leonardo Di Caprio aus. Doch das war längst nicht alles. Von diesem Abend noch völlig überwältigt fand tags darauf jener Programmpunkt statt, der der Reise nach Los Angeles den Anlass gegeben hatte: die Präsentation der Programmpläne für Herbst/Winter 2004/05. Das Highlight der Reise war für alle jedoch der letzte Abend, an dem Saban zum Barbecue auf sein Anwesen mit einem Haupt- und drei Nebenhäusern eingeladen hatte. Der Gastgeber erwies sich als sehr herzlicher und zugänglicher Mensch, führte seine Gäste durchs Haus, erzählte, wie er wegen der Zeitverschiebung oft im Pyjama frühmorgens am Computer sitze und E-Mails schreibe. Gegen 23 Uhr endete die Party, bei der er den Shooting-Star Renée Olstead singen ließ. Auch Sabans Frau Cheryl, seine Kinder und sogar die Schwiegereltern waren dabei. Dann, nach dem Dessert, der Höhepunkt des Abends: Der frühere US-Präsident Bill Clinton kam zu Besuch, brachte handsignierte Exemplare seiner Memoiren mit und erzählte den Werbeleuten aus Deutschland, dass sein Buch zu dick sei und die Buchhändler daher klagten, weil sie Probleme mit der Bevorratung hätten.

Die Begeisterung der Teilnehmer ist ihnen auch am Telefon deutlich anzumerken. Saban überzeugte auf der ganzen Linie. Diese lockere amerikanische Natürlichkeit und Professionalität, sein Engagement in der Politik, sein kulturelles Interesse, sein breiter Erfahrungshorizont … „Er ist einfach ein super Typ mit viel Kohle“ – „das war schon was ganz Besonderes“, sagt Jens-Uwe Steffens von der Agentur pilot media, der sich gern auch namentlich zitieren lässt. Im Gegensatz zu anderen – wohl aus jenem Grund, der einige davon abgehalten hatte, die Einladung anzunehmen. „Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. In diesen Zeiten kann man nicht fünf Tage lang die Arbeit liegen lassen“, sagt etwa Unilever-Mediachef Uwe Becker. Einige meinen, so eine Reise könnte die Objektivität nehmen. Steffens nennt diese Kritik pharisäerhaft: Niemand buche wegen so einer Reise ohne aufs Zahlenwerk zu schauen aus reiner Freundlichkeit Werbespots. Aber hier hätte man den Eigentümer, den gesamten Vorstand und alle Senderchefs aus nächster Nähe miterleben können: „Wann hat man diese Gelegenheit schon?“. Ihm habe die Reise wichtige Informationen vermittelt, sagt Steffens.

Für Saban hat sich die Sache auf alle Fälle gelohnt. Mag er auch an seinem Plan festhalten, nach einer gewissen Zeit gewinnbringend aus der Senderfamilie wieder auszusteigen – als anonymen, rationalen, renditeorientierten Shareholder betrachten ihn diese dreißig Werbeleute, die in ihren Unternehmen einiges zu bestimmen haben, nicht mehr. Und so kann sich Saban ungestört überlegen, was er mit seinen Anteilen künftig macht. Der Hamburger Agenturchef Steffens ist jedenfalls überzeugt: „Ja, Saban bleibt langfristig. Drei Jahre lang bekamen sie bei ProSieben Sat 1 immer nur auf die Rübe; jetzt haben sie Drive und Kraft, der Knoten ist geplatzt.“ Haim Saban, ein Lobbyist, wie er im Lehrbuch steht.

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