Meinung : … Ägypten

Andrea Nüsse

beschreibt, wie eine Heuschreckenplage das Land am Nil in Atem hält Die Szene vor dem Fünf-Sterne-Hotel Marriot östlich von Kairo erinnert an Bilder von der ersten Intifada in Palästina: Rund um das luxuriöse, begrünte Areal brannten am Mittwoch Lastwagenreifen. Der schwarze, giftige Qualm bildete hohe Rauchsäulen, bevor er sich zu einer riesigen Wolke vereinigte. Was wie eine Szene aus einem Bürgerkrieg aussah, geschah unter Anleitung des Militärs: Mit dem dichten Rauch wollte man die Heuschreckenschwärme, die an diesem Tag Kairo erreicht hatten, von der Hotelanlage vertreiben. Seit Wochen beherrscht die Insektenplage die Gemüter in Ägypten. Seit etwa 50 Jahren hat das Land einen so massiven Befall nicht mehr erlebt. Die lokale Presse berichtet, in den Schulen wird darüber diskutiert, das Staatsfernsehen zeigt Bilder der Bauern im fruchtbaren Nildelta, die mit brennenden Autoreifen und heftigem Lärm den Heuschrecken zu trotzen versuchen. Die staatlichen Trupps zur Schädlingsbekämpfung mussten auf die dreitägigen Feiern am Ende des Ramadan am vergangenen Wochenende verzichten und stattdessen Felder besprühen.

Die Welternährungsorganisation FAO beschreibt den Schwarm als mittelgroß, etwa eine Milliarde Tiere, der sich über mehrere Quadratkilometer ausbreitet. Zu einer vernichtenden Plage, wie in der Bibel beschrieben, scheint sich der Insektenansturm nicht auszuwachsen. Nach dem zweiten Buch Moses hatte Gott eine Heuschreckenplage über Ägypten gesandt, weil der Pharao die Israeliten nicht ziehen lassen wollte. Damals hätten die Tiere drei Tage lang das gesamte Land bedeckt und keinen Halm und keine Frucht übrig gelassen. Die FAO geht davon aus, dass der Schaden sich diesmal in Grenzen hält, weil der Schwarm durch starke Winde weiter in Richtung der Wüste am Roten Meer getrieben wird und die Tiere noch nicht voll ausgewachsen sind.

Die gefräßigen Insekten kamen aus Westafrika und wurden zunächst an der Mittelmeerküste nahe der libyschen Grenze gesichtet. Die Ägypter verfolgten gebannt, wie die Schwärme sich dann ostwärts bewegten und schließlich Alexandria, die zweitgrößte Stadt des Landes, erreichten. Zwei Tage später durchquerte der Schwarm die 17-Millionen Stadt Kairo. Doch den Himmel über Kairo konnten die Heuschrecken nicht mehr verdunkeln, er ist bereits seit Wochen grauschwarz von einer riesigen Schmutzwolke aus Auspuff- und Industriegasen, den Müllverbrennungen am Stadtrand und – wie jeden Herbst – dem Rauch, der beim Abbrennen der Strohreste auf den Feldern um die Stadt ensteht.

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