Meinung : … Afrika

Wolfgang Drechsler

Die Visaanträge stapeln sich bei der deutschen Botschaft in Angola kistenweise. Fast hat es den Anschein, als wolle das ganze Land sein Team zur Fußball-WM nach Deutschland begleiten – ungeachtet der jüngsten Übergriffe auf Ausländer (und der Sorge, ob sich Andersfarbige überhaupt noch dorthin trauen können). Zwar ist auch in Angola kurz über die jüngsten Vorfälle berichtet worden, doch dem Enthusiasmus der Fans zu einer Reise ins Land des WM-Gastgebers hat dies keinen Abbruch getan.

Vielleicht liegt das auch daran, dass viele Afrikaner ausgerechnet auf dem eigenen Kontinent weit schlimmere Zustände als im Osten Deutschlands gewohnt sind. Jede Woche kann man in südafrikanischen Blättern von gewalttätigen Übergriffen Einheimischer auf Afrikaner aus anderen Teilen des Kontinents lesen. Immer wieder werden in den Townships um Johannesburg oder Kapstadt Hütten afrikanischer Zuwanderer abgefackelt und geplündert. „Wir wollen die Simbabwer und Angolaner nicht, sie müssen raus“, dröhnt Thoko Mpiko, einer der Anführer einer solchen Hetzjagd. „Sie nehmen uns die Arbeit, das Land und die Frauen weg.“ Schwarze Einwanderer werden von vielen bitterarmen Südafrikanern schnell für alle Missstände verantwortlich gemacht – das Elend, die fehlenden Jobs, die hohe Kriminalität.

Über Deutschland sind die meisten Afrikaner, wenn überhaupt, nur sehr oberflächlich informiert und erwarten dort eine Art Schlaraffenland. Von den gegenwärtigen Problemen wissen die wenigsten. Entsprechend geringen Widerhall haben die jüngsten Übergriffe auf Ausländer gefunden. Reisewarnungen gibt es nicht. Angesichts geringer Ressourcen haben Afrikas Zeitungen nirgendwo eigene Korrespondenten – weder im unmittelbaren Nachbarland und schon gar nicht in Übersee. Dies führt zwangsläufig zu einer stark verzerrten Sicht. Angesichts der starken Nabelschau sind Deutschlandberichte in den afrikanischen Medien selbst jetzt, im Vorfeld der Fußball WM, kaum zu finden.

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