Meinung : … Großbritannien

Matthias Thibaut über einen See nahe London, wo selbst das Schwimmen auf eigene Gefahr verboten ist

Seit zwei Generationen schwimmen die Sutherland Smiths aus Tufnell Park in den „Highgate Ponds“ im Norden Londons. Am liebsten morgens. Nie, schwärmt Frühaufsteher Robert, sei man der Natur so nahe wie in der Stille der Morgendämmerung, wenn der Reiher sein Frühstück im See sucht. Züchtige Reiseführer warnen, in Hampstead werde gerne nackt, gar „gemischt“, gebadet. Das war aber nicht der Grund, warum die „Corporation of London“ den Badefreunden nun den Spaß verdarb. Vielmehr wurde das seit einem Jahrhundert unbestrittene Recht beschränkt, vom Morgengrauen bis in den Abend hinein unbeaufsichtigt in die Flut zu tauchen. Denn was könnte an so einem stillen Londoner Morgen nicht alles passieren – und wenn dann jemand unbeaufsichtigt zu Schaden kommt und die „Corporation“ verklagt? Ein Gutachten wurde angefordert. Und gleich auch das Ritual des Eisbrechens im Winter und das traditionelle Weihnachtsbad der Hampsteader Schwimmvereinigung verboten.

Immer häufiger kommt die Angst vor Risiken der Lebensfreude in die Quere. Eckläden in Englands Städten bieten an, kostenlose Prozesse zu führen. „Kein Gewinn, keine Gebühren“ wirbt eine große Rechtsanwaltskanzlei im Fernsehen. Aus Furcht vor Prozessen ließen die Stadträte von Norwich Kastanienbäume fällen, damit sich Kinder nicht beim Kastanienwerfen verletzen. Kein Lehrer wagt mehr einen Schulausflug ohne Genehmigung des „Health and Safety Executive“. In Malmesbury verbot eine Schule das Mitbringen selbst gebackener Kuchen – aus Angst vor Lebensmittelvergiftung.

Die Briten diskutieren, wissen aber auch nicht so recht, was tun gegen die neue „Schadensersatzkultur“. Seit 1997 hat sich die Zahl der Prozesse gegen Schulen und Krankenhäuser verdoppelt. Eine halbe Milliarde Pfund pro Jahr zahlt der staatliche Gesundheitsdienst an klagende Patienten. „Wie ein Krebsgeschwür“, warnte der Parteichef der Konservativen, Michael Howard, überwuchere die Angst vor dem Risiko das Land. Oder eben: die Lust an Entschädigungen. „Kinder müssen lernen, dass das Leben bisweilen harte Schläge austeilt“, lehrt Howard – als seien es die Kinder, die prozessieren.

Howard gibt der Überregulierung die Schuld. Womit er die Labour Regierung meint. Und Brüssel. Sind es doch EU-Bürokraten, die mit ihren Sicherheitsvorschriften Londons hinten offenen roten Doppeldecker auf dem Gewissen haben. Vielleicht sollte Howard Brüssel auf Entschädigung verklagen. Wegen Verletzung der Freiheit, selbst Risiken auf sich zu nehmen. Es kommt ja nur darauf an, einen Schuldigen zu finden.

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