Meinung : … Großbritannien

Matthias Thibaut

erklärt, warum Kapuzen tragende Jugendliche die Briten verunsichern Tony Blair hat Glück. Seine Söhne tragen keine Kapuzenpullis. Euan und Nicky trugen vielmehr Anzug und Krawatte, als sie nach der Wahl in der Downing Street, in respektvollem Abstand hinter Daddy, hörten, wie dieser die Regierungspriorität für die nächste Amtszeit nannte: „Wir müssen in unseren Schulen, Gemeinden, unseren Städten und Dörfern wieder mehr Respekt einführen.“

Es war wohl diese Rede, die Europas größtes Einkaufszentrum, das „Bluewater Centre“ in Kent, zu dem Verbot der Kapuzen ermunterte, das die Briten seit Tagen beschäftigt. „Hoodies“ verängstigen die jährlich 27 Millionen Shopper des Zentrums, die Rapper-Sweatshirts, in deren Taschen die Teenager die Hände zur Faust ballen, deren Kapuzen sie tief übers Gesicht ziehen, um in einer Aura bedrohlicher Anonymität ihrem Frust freien Lauf zu lassen. „Zero Toleranz gegenüber einschüchterndem Verhalten“, kündigte das Bluewater an und verbot auch gleich Baseballmützen, wenn die Träger in aggressiven Gruppen auftreten. Auch Fluchen werde nicht mehr geduldet. Blair, der vergangene Woche einen „Minister für Respekt“ ernannte, gab seinen Segen.

Kann eine neue Kleiderordnung Großbritannien den Respekt zurückbringen, der laut Blair eine „moderne, nicht nur traditionelle Sehnsucht“ ist? Massensaufereien in den Innenstädten, Schulschwänzer, freche Schüler, Graffiti, Vandalismus – seit Jahren kämpfen die Briten erfolglos gegen die Pöbelkultur. Volltrunken zu sein, ist längst sozial akzeptiert. Jeder Sinn für Anstand sei verloren gegangen, sagt eine Richterin. Kapuzen, räumte der Benediktinermönch Anthony Sutch in der BBC ein, wirkten in der Tat bedrohlich. Die Polizei klagt, dass Hoodies die Identifizierung von Missetätern per Überwachungskamera verhindern. Die Herrenzeitschrift „GQ“ riet, auf die andere Straßenseite zu wechseln, wenn Kapuzenjugendliche kommen: „Sie wollen sich unkenntlich machen, um Ihre Uhr zu klauen.“ Verteidiger der Kleiderfreiheit warnen vor Verallgemeinerungen. Schlechtes Verhalten, nicht die Kleider müssten attackiert werden, sagt die Vizepräsidentin des Jugendrats. Sozialhistoriker erinnern an die Skinheads, die die Gesellschaft auch überstanden hätte, und ein BBC-Hörer schrieb: „Hitlers Blitzkrieg hat uns nicht untergekriegt, sollen wir uns jetzt vor den Kapuzen fürchten?“ Respekt, mahnte Vater Anthony, müsse sich die Gesellschaft erst einmal verdienen. Blair sieht, wie begrenzt seine Möglichkeiten sind. „Ich kann die Debatte anregen, Gesetze einbringen. Aber ich kann den Menschen nicht die Erziehung ihrer Kinder abnehmen.“

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