Meinung : … Irland

Martin Alioth

Das kanonische Recht hat inzwischen dieselbe Bedeutung wie die Klubregeln eines Sportverbandes.“ Diese Behauptung hätte man in der Republik Irland bis vor kurzem nicht ernsthaft aufstellen können. Doch der Damm ist gebrochen: Die Katholische Kirche Irlands ist in den letzten Tagen zur Zielscheibe geworden; gelegentlich gar zur Schießbudenfigur.

„Wir können nicht mehr unterstellen, dass die Kirche ehrlich ist“, behauptete die Regierungsabgeordnete Liz O’Donnell im Parlament. „Wenn die Bischöfe eine Regierung wären, müssten sie kollektiv zurücktreten oder aus dem Amt geworfen werden“, fuhr die fotogene Parlamentarierin der kleineren, wirtschaftsliberalen Koalitionspartei fort. Und schließlich forderte sie eine grundsätzliche Überprüfung der kirchlichen Kontrolle in den 3200 irischen Volksschulen.

Der Anlass für diese höchst ungewöhnliche Tirade ergab sich im Verlaufe einer Parlamentsdebatte über die erschütternde Liste von Fällen von Kindsmissbrauch in der winzigen Diözese Ferns. Ein Insider, der in der Irish Times pseudonym über die Vorgänge im Plenum schreibt, bemerkte: „Abgeordnete aller Parteien begruben diese Woche die Leiche der institutionellen Kirche ohne großes Aufheben.“ Eine abweichende Stellungnahme kam von Premierminister Bertie Ahern. Der leutselige Bertie ist nämlich ein strammer Messgänger, ja, als Finanzminister hatte er den Haushalt einst mit einem Aschekreuz auf der Stirn verlesen. Er lobte die Verdienste der Kirche im Bildungswesen und verkündete, der Staat könnte die Kontrolle über die Volksschulen gar nicht verkraften. In seinem Manuskript fand sich noch eine Bemerkung, wonach der klerikale Missbrauch einen betrüblichen „Verrat“ darstelle, aber Ahern ließ diesen Passus aus unbekannten Gründen weg.

Im Fadenkreuz der Kritiker, die sich seither in den Leserbrief-Spalten der „Irish Times“ tummeln, steht das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Die Adjektive für das Verhalten des Staates bewegen sich von „respektvoll“ bis „unterwürfig“ und hier liegt der Hase im Pfeffer: Der devote Umgang der irischen Gesellschaft mit Priestern, Mönchen und Bischöfen ermöglichte den jahrzehntelangen Missbrauch, weil keiner und keine sich trauten, die skandalösen Verbrechen anzuprangern. Erst der abrupte Zerfall der kirchlichen Autorität in den letzten Jahren erlaubt es Irland nun, tatsächlich zur Republik zu werden.

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