Meinung : … Russland

Elke Windisch

Unterhalb des Knies ist nichts mehr. Statt Beinen hat Andrej Sytschow nur noch Stümpfe. Er weiß es nur noch nicht. Denn Andrej liegt im Koma, auf der Intensivstation im Zentralen Militärlazarett in Moskau. Folge des Wundbrands, der eine Blutvergiftung auslösen könnte.

Wenn Andrej die übersteht, bekommt er Prothesen. Gute, aus dem Westen. Aber nur, weil der Fall publik wurde und seit Tagen Spitzenmeldung hiesiger Medien ist. Das könnte ihn retten. Schon Stalin wusste: Ist der Mensch weg, ist auch das Problem weg. Der Mensch Andrej aber lebt, was an sich ein Wunder ist. Von dienstälteren Soldaten und einem Unteroffizier blutig geschlagen, desertierte er aus seinem Truppenteil, einer Schule der Panzertruppen bei Tscheljabinsk im Südural. Drei Tage irrte er in der Taiga umher, bei Temperaturen um minus vierzig Grad. Als die Militärpolizei ihn fand, waren beide Beine über und über mit blauschwarzen Beulen bedeckt: Väterchen Frost hatte sich in die Wunden gefressen.

Jährlich sterben etwa 5000 russische Soldaten – das entspricht der Sollstärke einer Division zu Friedenszeiten – durch Unfälle oder Misshandlungen von Vorgesetzten oder dienstälteren Jahrgängen. Allein in Andrejs Panzerschule laufen momentan elf Verfahren. Wegen des Wirbels um die Causa Andrej gibt es jetzt sogar gewisse Hoffnungen der Opfer auf Gerechtigkeit, zumindest aber Aufklärung.

Denn gewöhnlich eröffnet die Militärstaatsanwaltschaft erst dann ein Verfahren, wenn einschlägige Klagen durch Ermittlungen vor Ort bestätigt werden. Die aber führt der zuständige Kommandeur. Das, so eine Vertreterin des Komitees der Soldatenmütter, sei in etwa so, als würde man einen Genossen aus Nordkorea zum Chef der Uno-Menschenrechtskommission machen

In der Tat, sagt auch Pawel Prochorow, Mitarbeiter einer Stiftung, die Opfer und deren Angehörige gegen Gewalt beim Barras gegründet haben, seien Unteroffiziere, oft auch Offiziere, zumeist Mitwisser, manchmal auch aktiv an den Verbrechen beteiligt – oder sie würden abwiegeln. Zunächst auch in Andrejs Fall: Vorgesetzte unterstellten ihm Selbstverstümmelung, er habe vorzeitig entlassen werden wollen. Je höher der Dienstgrad, so Prochorow, desto schwerer sei es, die Missetäter zu belangen. Bei Verteidigungsminister Sergej Iwanow ist das völlig aussichtslos, trotz der über 600 000 Unterschriften, die bisher per Internet unter eine Petition für dessen Entlassung eingingen. Mit Putin persönlich befreundet, gilt Iwanow als dessen wahrscheinlicher Nachfolger.

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