Meinung : … Russland

Elke Windisch

Wer hat das gesagt? „Wenn jemand meint, er stamme vom Affen ab, dann ist das dessen Privatsache. Niemand hat jedoch das Recht, diese Meinung anderen aufzuzwingen.“ Wer dabei auf den Großinquisitor tippt und das Zitat ins dunkle Mittelalter verortet, liegt falsch. Es war Alexej II., der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, der sich dieser Tage in den sogenannten Affenprozess einmischte, an dem sich die hiesige Öffentlichkeit seit Anfang November reibt. Mascha Schreiber, eine sechzehnjährige Schülerin aus St. Petersburg, klagt gegen das russische Bildungsministerium. Ihre Forderung: Darwins Evolutionstheorie dürfe, wenn überhaupt, nur als eine Hypothese gelehrt werden. Der Gedanke, nicht Krone göttlicher Schöpfung zu sein, sondern vom Affen abzustammen, sei ihr „unerträglich“, besudele ihre religiösen Gefühle und sei „gemeingefährlich“. Denn Darwin unterstelle dem Menschen „tierische Instinkte“ und würde dadurch Gräueltaten wie Kriege oder Revolutionen rechtfertigen.

Zunächst reagierte die demokratische Öffentlichkeit eher belustigt und tat die Vorwürfe als Überexaltiertheit einer Pubertierenden und als PR-Gag in eigener Sache ab. Denn Kyrill, Maschas Vater, der die Minderjährige vor Gericht vertritt und die Klageschrift verfasste, verdient seine Brötchen als Anwalt bei einer bisher nicht sonderlich erfolgreichen Werbeagentur. Nach der Intervention des Patriarchen indes blieb den Spöttern das Lachen in der Kehle stecken. Darwins Lehre, wetterte Alexej II. in heiligem Zorn, sei eine bisher nicht bewiesene Theorie und müsse daher mit anderen konkurrieren. Auch mit der Schöpfungstheorie.

Nicht nur die Familie Schreiber, sondern auch die Öffentlichkeit vermuten nun, dass das Gericht sämtliche Biologielehrbücher einstampfen lassen wird. Denn Seiner Heiligkeit wagt nicht einmal Wladimir Putin öffentlich zu widersprechen. Die russisch-orthodoxe Kirche gehört zu den verlässlichsten Machtstützen des Kreml. Der Klerus lässt sich seine Loyalität freilich teuer bezahlen. De jure sind auch in Russland Staat und Kirche getrennt. De facto mischen die Popen sich immer unverfrorener in Bildung und Erziehung ein. Zuerst setzten sie ein Verbot der Sexualkunde durch, dann „Grundlagen orthodoxer Kultur“ als Pflichtfach. Obwohl sich ein Viertel der Bevölkerung zu anderen Religionen bekennt und ein Drittel zum Atheismus. Die einen wie die anderen sprechen von Zwangsbekehrung. – Auch der Sieger im „Affenprozess“ steht daher schon fest.

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