Meinung : „ ... und Teheran wäre ausradiert“

Hans-Hagen Bremer

Ist Jacques Chirac seinen Aufgaben noch gewachsen? Besucher, die der französische Präsident in jüngster Zeit im Elysée-Palast empfing, haben von der Begegnung mit ihm positive Eindrücke in Erinnerung. Leicht nach vorn gebeugt, das faltige Gesicht von der marokkanischen Urlaubssonne gebräunt, strahlt er beste Laune aus. Staatsgäste begrüßt er mit der üblichen Leutseligkeit, und bei Reden unterstreicht er seine Worte mit seinem typischen Mienenspiel. Nichts Neues also seit dem leichten Schlaganfall von 2005, von dem sich der Präsident offensichtlich gut erholt hatte.

Ein ungewöhnlicher Zwischenfall in dieser Woche wirft nun aber erneut die Frage auf, wie viel Konzentration ihm sein Gesundheitszustand noch ermöglicht. Reportern der „New York Times“, der „International Herald Tribune“ und des französischen Wochenmagazins „Le nouvel observateur“ sagte Chirac am Montag in einem Interview, für sich genommen sei es „nicht so gefährlich“, wenn der Iran eine Atombombe besäße. Gefährlich sei die Proliferation. Denn: „Wohin würde der Iran diese Bombe schicken? Nach Israel? Sie würde keine 200 Meter in der Atmosphäre zurücklegen und Teheran wäre ausradiert.“ Einen Tag danach lud Chirac die Reporter erneut zu sich. Er habe sich „etwas schematisch“ zur nuklearen Vergeltung ausgedrückt, erklärte er seinen erstaunten Interviewern. Dass man Teheran „ausradieren“ werde, ziehe er zurück. Wie die drei Zeitungen gestern berichteten, korrigierte Chirac seine Aussage in dem Sinn, dass eine Atombombe des Iran noch zerstört würde, bevor sie den iranischen Himmel verließe und dass es unweigerlich auch Vergeltungsmaßnahmen geben würde.

Das Aufsehen ist groß – trotz des Widerrufs. Im UN-Sicherheitsrat hat Frankreich den Sanktionen zugestimmt, mit denen der Iran von seinem gefährlichen Atomkurs abgebracht werden soll. Aber eine so große Gefahr wäre eine iranische Bombe gar nicht, wie Chirac sagte. Ob er da seine wirkliche Ansicht äußerte, bevor er sie, um einen diplomatischen Eklat zu vermeiden, zurücknahm, ist unklar. Der Schaden ist auf jeden Fall groß. Aber auch wenn es nur ein Versehen war, was durchaus möglich ist, denn Chirac wirkte auf die Journalisten müde und fahrig, ist es für den alternden Präsidenten peinlich. Er habe geglaubt, dass das nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen wäre, entschuldigte er sich bei ihnen: „Ich hätte besser aufpassen sollen.“

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