Meinung : 1. Mai: Familien, fahrt ins Grüne!

Bernd Ulrich

Ist es leicht, Demonstrant zu sein? Heutzutage? Und erst recht morgen früh bei der 1. Mai-Demo der Gewerkschaften? Oder gar morgen Nacht bei den Krawallversuchen ideologisch verzweifelter Autonomer? Nein, es ist schwer, verdammt schwer. Für alle.

Die illegitimen Kinder des ehemaligen Arbeiterkampftages, die Militanten, haben gewaltig mit den eigenen Begründungen zu kämpfen, welchen revolutionären Zweck ihre Ritual-Randale verfolgen soll. Ihr 1. Mai ist kein Ausdruck mehr von irgendwas - einer Bewegung, einer Politik. Er ist nur noch Selbstzweck. Reine Ästhetik jedoch, auch wenn sie hässlich ist, verbietet sich für Revolutionäre, die in ihren Aufrufen alle Unterdrückten dieser Erde in langer trauriger Prozession aufmarschieren lassen. In Wahrheit instrumentalisieren die Autonomen am 1. Mai die Schwächsten, um ihren "Spaß" zu legitimieren. Und im Grunde wissen sie das auch. Ist es da leicht, Demonstrant zu sein?

Auch für die echten, die 1. Mai-Demonstranten des DGB ist es das nicht mehr. Nicht nur, weil sogar gewerkschaftliche Menschen bequemer geworden sind und am ersten richtigen Sonnentag seit Menschengedenken lieber ins Grüne fahren, als im Grauen herumzulaufen. Nein, der Ansatz funktioniert nicht mehr: Demonstrationen brauchen jemanden, gegen den sie sich richten, und sie brauchen jemanden, an den sie sich richten. Doch daran, dass die Unternehmer schlecht sind und die Politiker mächtig, glaubt ja nicht mal mehr die ganze PDS.

Zum Thema Online Spezial: Sind die Krawalle zum 1. Mai unvermeidbar? Vor ein paar Jahren war das (arbeiterbewegte) Demonstrieren noch leichter. Man hatte eine konservative Regierung, die, was sonst, den Arbeitern schwer zu schaffen machte. Heute dagegen tritt der Kanzler bei den Demos auf und kann doch nicht viel versprechen. Dann tauchte in den 90er Jahren plötzlich der shareholder value auf. Der Aktionär, alias Couponschneider, wurde zum alt-neuen Gegenüber. Heute sind vermutlich auch bei einer 1. Mai-Demo die Kleinaktionäre in der Mehrheit.

Der eigentliche Feind des Arbeiters sitzt sowieso nicht mehr in Aufsichtsräten oder klickt sich bei Consors seinen Reichtum zusammen. Der schlimmste Feind, das ist im Zeitalter der Globalisierung der Konsument, jenes tyrannische Wesen, das alles haben und nichts bezahlen will; das treulos von einer Marke zur anderen wechselt und damit die Konkurrenz gnadenlos verschärft. So lange, bis der Arbeiter auch nachts arbeitet, und sonntags und für immer weniger Geld. Der Konsument jedoch, das ist der Arbeiter wieder selbst. Das ist er, wenn er nicht am Band steht, sondern vor dem Regal. Also fehlen an diesem 1. Mai alle drei Zutaten für eine ordentliche Demo: der starke Gegner, der starke Freund und die eigene Opferrolle.

Natürlich existiert der schamlos Reiche, aber - gerade in Deutschland - eher diskret verhüllt. Es gelingt nur selten, diesen Mythos zu mobilisieren. Bei der Debatte über Kinderarmut zum Beispiel taucht er wieder auf, der fette Reiche. Allenthalben wurde an diesem Wochenende gefordert, dass die Reichen kein Kindergeld mehr bekommen sollen, damit die Armen mehr kriegen. Hier ist er wieder, der alte, hoffnungslos romantische Gedanke: Robin Hood in der Postmoderne. Zuletzt hat sich darin ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat versucht. Rudolf Scharping wollte vor sieben Jahren eine Solidaritätsabgabe von den Besserverdienenden. Das stellte ihn vor folgendes Dilemma: Wenn nur die ganz Reichen geschröpft werden, dann kommt nur eine ganz kleine Summe zustande. Wenn eine relevante Summe zustande kommen soll, dann wird die Hälfte der potenziellen SPD-Wähler zur Kasse gebeten. Scharping war mit seiner Idee nicht sehr erfolgreich.

Bei den besserverdienenden und den schlechtergestellten Eltern gilt das Gleiche: Wenn nur die auf das Kindergeld verzichten, denen ein paar Hundert Mark netto weniger nichts ausmachen, dann bringt es in der Breite gar nichts. Wenn es finanziell etwas darstellen soll, dann werden ausgerechnet die Eltern der "Neuen Mitte" geschröpft. Die ganze Idee ist Unsinn, populistisch. Gesucht werden Sündenböcke, weil man sich eine ernsthafte Verteilungsdebatte zugunsten der Eltern nicht zutraut.

Für die wird übrigens auch der DGB keine Kundgebung organisieren. Der hat sich schon bei der Rente auf die Seite der Alten geschlagen. Am 1. Mai demonstrieren kaum die Schwachen - die da demonstrieren, sind nicht schwach.

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