20. Juli : Auf dem Platz der Republik

Rekrutenvereidigung und Gedenken an die Hitler-Attentäter – die Deutschen haben den 20. Juli lange mit negativen Gefühlen gesehen. Heute, 65 Jahre nach dem 20. Juli 1944, werden Rekruten vor dem Reichstag ihr Gelöbnis ablegen. Die Bundeswehr tut das in Erinnerung an eine Tat, für die dankbar zu sein alle Deutschen, nicht nur die in Uniform, jeden Grund haben.

Gerd Appenzeller

Die Deutschen haben diesen Jahrestag lange mit eher eindeutigen als gemischten Gefühlen gesehen. Eindeutig, das bedeutet: eindeutig negativ. Der 20. Juli 1944, der Tag des gescheiterten Attentats auf Hitler, ist erst sehr spät mit dem 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation Deutschlands, in einen Sinnzusammenhang gestellt worden. Es waren die Bundespräsidenten Walter Scheel und Richard von Weizsäcker, die die Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur als Patrioten würdigten und den Tag des Kriegsendes auch als Tag der Befreiung zu bezeichnen wagten.

Heute, 65 Jahre nach dem 20. Juli 1944, werden Rekruten vor dem Haus der Volksvertretung, dem Reichstag, ihr feierliches Gelöbnis ablegen. Damit soll, wie schon im vergangenen Jahr, ein Bogen geschlagen sein – von jenen Soldaten, die durch das Attentat auf Hitler dessen Diktatur beenden wollten, zu denen, die heute in der Bundeswehr die Freiheit des Landes schützen sollen.

Es hatte durchaus Symbolwirkung und historische Dimension, dass die Rekrutenvereidigung aus der Isolation des Bendlerblocks herausgelöst wurde und jetzt auf dem Platz der Republik stattfindet. Denn Platz der Republik ist das in mehrfachem Sinne. Es ist der öffentliche Raum, in dem die Rekruten einer Wehrpflichtarmee geloben, „der Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Und es geschieht im übertragenen und tatsächlichen Sinne vor den Augen des Parlamentes, das über jeden Einsatz dieser Bundeswehr entscheiden muss.

Gerade das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen jener Armee, der Stauffenberg, Haeften, Olbricht, Quirnheim und andere Widerstandskämpfer angehörten, und der Bundeswehr, in der die heute vereidigten Rekruten Dienst tun. Die Attentatspläne entstanden ja, weil viele, konservative und Hitlers Politik zunächst durchaus zugeneigte, junge Offiziere im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges begriffen, dass die Armee zur Eroberung Europas missbraucht werden sollte. Die Erfahrungen in Polen mit der gerade für die Wehrmacht unübersehbaren planmäßigen Ausrottung der jüdischen Bevölkerung machte sie schon alleine durch ihr Wissen zu Mittätern. Die jungen Soldaten von heute hingegen können, erinnerte der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt bei der Rekrutenvereidigung im vergangenen Jahr, „sich darauf verlassen, dieser Staat wird euch nicht missbrauchen“.

Für die Kinder der mehr als 200 hingerichteten Mitglieder des Widerstandes gegen Hitler war freilich nicht nur die Erkenntnis erschütternd, dass im Dritten Reich ein ganzes Volk von seiner Führung benutzt worden war – schlimmer noch war nach dem Ende des Krieges für sie das Begreifen, dass die Tat der Väter in der Öffentlichkeit kaum als das erkannt wurde, was sie war – die versuchte Ermordung des Tyrannen, ein Akt der Befreiung. In der DDR wurde bis Ende der 70er Jahre das gescheiterte Attentat in der Wolfsschanze als unbedeutende Einzelaktion der „Junker in Uniform“ abgetan. Erst mit der Rückbesinnung auf den als zeitlos akzeptabel erkannten Teil des preußischen Wertekatalogs begann die SED auch, die Männer des 20. Juli zu ehren.

In der Bundesrepublik, in der der Bruch zur NS-Zeit längst nicht so radikal wie im Osten Deutschlands erfolgte, wurde der Widerstand entweder beschwiegen oder als Landesverrat stigmatisiert. Für die Nachfahren der Stauffenbergs, Moltkes, Tresckows und vieler anderer bedeutete das, dass sie, aus Angst, an Nazis oder Mitläufer zu geraten, nach Amerika oder England auswanderten, sich nur untereinander vertrauten und auch nur Ehen mit Frauen oder Männern eingingen, deren Eltern nachgewiesenermaßen selbst dem Widerstand angehört hatten.

In den letzten Jahren hat die Diskreditierung des Widerstandes gegen Hitler eine andere Dimension erreicht. Plötzlich wird die adlige Herkunft und konservative Einstellung vieler Hitler-Gegner als Beleg dafür angeführt, dass der geplante Umsturz alles andere als demokratische Fundamente und Ziele gehabt habe. Diese Interpretationsversuche sind, natürlich abgesehen von historischen Einordnungen, so widerwärtig, weil ihre Vertreter den Beweis für die Stichhaltigkeit ihrer Bedenken nicht antreten müssen. Die Attentäter selbst kann man nicht befragen, sie sind tot. Von anderen aber, moralisch Erhabeneren, ist nichts bekannt.

Wenn die Bundeswehr also am 20. Juli ihre Rekruten vereidigt, tut sie das in Erinnerung an eine Tat, für die dankbar zu sein alle Deutschen, nicht nur die in Uniform, jeden Grund haben.

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