Meinung : 40 Millionen Argumente gegen eine neue Decke

Warum der Streit über den Berliner Hauptbahnhof absurd ist

Hartmut Mehdorn

Was wurde über ihn nicht alles an Spott ausgegossen? Er würde nicht von den Kunden, Touristen und vor allen den Berlinern angenommen. Er sei ein Glaspalast mitten in der Wüste. Und noch viel mehr war über den Berliner Hauptbahnhof vor seiner Eröffnung zu lesen und zu hören. Was ist passiert?

Der Hauptbahnhof wird ein halbes Jahr nach Eröffnung des neuen Bahnknotens im Herzen Berlins hervorragend angenommen. Die Besucherzahlen liegen weit über den Erwartungen. Die Berliner haben ihren Bahnhof entdeckt. Die Touristen strömen. Wir haben täglich rund 20 Besuchergruppen im Berliner Hauptbahnhof. Die gehen alle mit großen Augen durch die lichten Hallen und über die Bahnsteige. Viele wollen ganz bewusst jene Flachdecke über den Gleisen im Untergeschoss sehen, über die man jetzt in ganz Deutschland diskutiert. Stehen sie darunter, erleben unsere Bahnhofsführer meist ein großes Hallo der Besucher: Was soll denn hier entstellt, falsch oder daneben sein, fragen viele?

Die Decke ist ein Element eines Bahnhofs, um den uns viele in Europa und weltweit beneiden, weil er Verkehrsströme im Großraum Berlin neu und effizient bündelt, in puncto kurzer Umstiege und modernen Service Maßstäbe setzt. Wir haben hier den größten und leistungsstärksten Kreuzungsbahnhof in Europa gebaut – mit einer großzügigen Option auf zunehmenden Verkehr in der Zukunft. Über 50 Millionen Menschen haben hier seit Ende Mai eine Reise angetreten oder beendet, sind umgestiegen oder haben dem Bahnhof einen Besuch abgestattet. Der Hauptbahnhof zählt längst zu den Sehenswürdigkeiten, die man als Berlin-Tourist gesehen haben muss.

Und dann betreibt Herr von Gerkan diese absurde Auseinandersetzung. Ein kostenfressender Umbau droht, schlimmer noch: jahrelange Beeinträchtigungen durch erneute Bauarbeiten. Es geht um drei Jahre Umbau und bis zu 40 Millionen Euro – Geld, das wir für andere Projekte, auch in Berlin, viel dringender einsetzen müssen als für eine kosmetische Operation. Wir haben den Architekten vor Jahren mit dem Entwurf für das Projekt beauftragt. Wir haben auch vereinbart, dass wir als Bauherr eine Änderungsbefugnis haben, nicht alle Details einhalten müssen, die Herr Gerkan vorschlug. Das behält sich jeder vor, der ein Haus baut. Es kann schließlich nicht sein, dass ein Architekt ohne Rücksicht auf die vereinbarten Kosten bestimmt, welche Konstruktion zu wählen ist. Dazu gab es von unserer Seite immer auch das Gespräch mit dem Architekten. Als die Kosten zu explodieren drohten, haben wir dann – wohlgemerkt bei einigen Details – Nein gesagt.

Herr von Gerkan ist trotzdem vor Gericht gezogen. Ich bin mir absolut sicher: Die meisten Menschen schütteln nur den Kopf ob einer juristischen Auseinandersetzung um solche Luxusprobleme.

Wir werden nun in erster Instanz dazu verurteilt, die ursprünglichen Pläne des Architekten umzusetzen. Das verstehe mal einer – wir nicht. Deshalb gehen wir in Berufung, notfalls bis zur letzten Instanz. Für uns geht es um die entscheidende Frage: Welche Rechte hat der Bauherr? Meine Meinung sage ich unmissverständlich: Kunden, Mitarbeiter und Steuerzahler dürfen nicht die Zeche für einen Egotrip des Architekten bezahlen. Vor wenigen Tagen haben wir in Dresden die Wiedereröffnung des Hauptbahnhofs nach der Generalsanierung gefeiert. Auch dort hat ein Großer seiner Zunft seine Handschrift hinterlassen: Der Umbau des über 100 Jahre alten Gebäudes zu einer modernen Verkehrsstation geschah nach dem Entwurf von Lord Norman Foster. Auch hier hat es im Laufe der Jahre Korrekturen bei der Umsetzung gegeben, wie das nun mal auf Großbaustellen erforderlich ist.

Lord Foster war Ehrengast der Eröffnungsfeier, und wir haben alle im besten Einvernehmen auch diesen wundervollen Bahnhof eingeweiht. Jeder kann sich seinen Reim darauf machen, warum das bei der Deckenkonstruktion in Berlin nicht möglich ist.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG.

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