Meinung : Ach, wenn das schon alles wäre Von Lorenz Maroldt

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Der Takt der politischen Irrungen und Wirrungen ist atemberaubend. Klammheimlich wollte die Union die Ökosteuer durchlaufen lassen, nachdem sie jahrelang deren Abschaffung in Aussicht stellte. Etwas Aufregung später winden sich die Unionisten jetzt verschwiemelt in Mittelfristen, um die FDP nicht komplett zu versauern, weil die ja schon die höhere Mehrwertsteuer schluckt. Schröder wiederum sprachdrechselt das SPDWahlprogramm so hin, dass es die Fortsetzung seiner Reformen ist, während die Parteilinke die rote Fahne hisst. Die Koalition mit den Grünen, von Schröder eben noch als unzeitgemäß gebrandmarkt, preist er schon wieder als Modell an.

Was bei Union und SPD geschieht, ist eine Kreuzbewegung: Die einen, die noch opponieren, kassieren ihren Oppositionsradikalismus, und die anderen, die noch regieren, ihren Regierungsrealismus. Zugleich zieht von Ferne etwas auf, was angeblich niemand will: eine große Koalition. Vor kurzem noch erschien eine solch mächtige Regierung tatsächlich am besten geeignet, die Probleme des Landes zu lösen. Als Vorbild diente die Koalition ’66, die ja viel bewirkte. Aber heute? Eine Unionsregierung könnte durchregieren, mit dem gleichfarbigen Bundesrat. Eine große Koalition – würde die nicht alles aufblähen, im Mehltau versinken lassen?

Schröder sagt: niemals mit der Linkspartei. Das hat Scharping einst auch gesagt, und dann ließ sich die SPD in Magdeburg regierungstolerieren. Und Müntefering? Der hat mit seiner Vertrauenserklärung für Schröder einen Sprengsatz gelegt, für den Präsidenten ebenso gefährlich wie für den Kanzler. Spekuliert er drauf, selbst Kanzler werden zu können? Die Mehrheit ist ja noch da. Nur für ein Jahr, quasi als Oppositionsregierungschef, um die SPD über 30 Prozent hieven zu können, wenigstens das.

Ach, wenn das schon alles wäre. Lafontaine rabuliert weiter rechts außen, Schönbohm ruft nach dem Verfassungsschutz. Als wenn der nicht schon längst dort Platz genommen hätte – wetten? Und wenn wir schon beim Wetten sind – Gregor Gysi wird nach der Wahl ein Attest aus der Tasche ziehen: Weiterer Stress vom Arzt strengstens verboten. Zu verstehen wär’s.

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