Meinung : Adel verpflichtet – Unternehmertum auch

Die Deutschen suchen Werte, sehnen sich nach Vorbildern. Woher nehmen? Zwei Gruppen tragen besondere Verantwortung

Albrecht Prinz von Croÿ

Es ist ein sehr deutsches Phänomen: Diese Gesellschaft wünscht sich Veränderungen, begehrt nach Werten, möchte geführt werden. Da sie aber nicht weiß, welche Veränderungen sie sich wünschen, welche Werte sie begehren soll und welche Art von Führung ihr bekäme, wählt sie den Kompromiss, der ihr vermeintlich am wenigsten weh tut: die große Koalition der Sozialdemokratisierung. Allen wird ein bisschen, niemandem wirklich wehe getan.

„Mögen hätten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut“: Wie lange kann und will sich dieses Land diesen Kampf noch leisten? Wer durchbricht den Kreislauf, wer wird aktiv in einem Volk von Passiven?

Es bekommt mit Mut zur Meinung und mit Führung durch Vorbild zu tun, wer sich aufrafft, die Diskussion in Deutschland über die richtigen oder falschen Werte, über gutes oder schlechtes Benehmen, über zu viel oder zu wenig Staat an die Oberfläche zu holen.

Die Gesellschaft giert nach dieser Diskussion, ohne sich das eingestehen zu wollen. Sie spürt das Wertevakuum, das für Gleichgültigkeit bis zum offenen Rassismus, für Egoismus bis zur nackten Gewalt verantwortlich ist. Es ist die dämmernde Erkenntnis, dass Gemeinwesen mehr ist als die Ansammlung von nebeneinander existierenden Individuen. Sie bedeutet für viele den endgültigen Bruch mit einer Schimäre der 68er-Bewegung: Wenn ich Fesseln einer überkommenen Erziehung abstreife, gewinne ich die große Freiheit. Mit dem Muff unter den Talaren entwichen eben auch die klugen Überlieferungen der Altvorderen, denen zufolge Werte wie Selbstachtung, Mitmenschlichkeit, höflicher Umgang und gutes Benehmen ein Gemeinwesen erst schaffen oder ein geschaffenes zusammenhalten.

Das war der Anfang des Vakuums: Die so Befreiten wurden mit ihrer Freiheit allein gelassen, weil die Protagonisten der Studentenbewegung an der Weiterentwicklung von liberalen und bürgerlichen Werten nicht interessiert waren. Die bürgerliche Reaktion war die „geistig-moralische Wende“ des Helmut Kohl. Doch sie blieb Theorie, weil sie von der Gesellschaft nicht eingeklagt wurde und weil sie über eine höchstens kirchenkanzeltaugliche Formel nie hinauskam. Die allein gelassene Generation blieb allein.

Viele konservative Zeitgenossen gefallen sich dennoch in der Analyse, die Wiedervereinigung und damit die „Veröstlichung“ dieser Republik habe die intakte Wertestruktur der Kohljahre ins Wanken gebracht und sei zusammen mit dem rot-grünen „political-correctness“-Wahn für den moralischen Verfall dieses Landes verantwortlich. Die Wiedervereinigung hat der deutschen Gesellschaft in der Tat 16 Millionen säkularisierte und einer offenen Wertediskussion entwöhnte Bürger beschert, deren dringendste Wünsche zunächst Wohlstand und Konsum waren und somit das Bestreben, zu werden wie die „Westler“. Aber sie haben das Wertevakuum damit allenfalls vergrößert, sicher nicht geschaffen.

Kein Staat kann neue Werte entwickeln oder alte beleben oder pflegen. Der Staat kann einen derartigen gesellschaftlichen Prozess fördern und unterstützen. Politik kann als ein Teil des Gemeinwesens die Diskussion auch prägen, aber deren Qualität, Ziele und das Ende setzen muss die Gemeinschaft der Bürger. Diese Gesellschaft muss aus sich heraus einen Prozess in Gang setzen, bestehende Werte zu gewichten und einer offenen Diskussion zu unterwerfen. Sie muss zeigen, dass sie in der Lage ist, neue Werte zu definieren und alte zu pflegen. Die Bürger dürfen nicht länger Ausschau halten nach dem großen „Wertekanzler“ oder der „Wertekanzlerin“. Sie müssen selbst aktiv werden, sei es aus innerer Überzeugung oder dem kühlen Kalkül, mit tradierten Verhaltensweisen schneller voranzukommen.

Wer aber sind die Wortführer, wo sind die Vorbilder, die eine ausreichende Glaubwürdigkeit haben, wer steht für Wertevermittlung innerhalb dieser Gesellschaft? Die üblichen Genannten zieren sich oder scheiden aus. Natürlich haben die Kirchen eine große Glaubwürdigkeit und vielleicht auch das eine oder andere Vorbild. Aber weder die katholische noch die evangelische Kirche vermitteln nachhaltig den Eindruck, eine solche Rolle spielen zu wollen. In Wahrheit sind beide zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie diskutieren und ringen, sie stehen nicht, sie schwimmen. Apologeten der klaren Kante und des deutlichen Wortes wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner gelten immer noch als undiplomatische Außenseiter.

Und das Heer der Dichter und Denker? Sie hätten qua Berufung und Kunst vielleicht eine natürliche Glaubwürdigkeit, wenn sie sie nicht mit Verve zerstört hätten. Zu viel Renegatentum, zu viel Wischiwaschi, zu viel Desinteresse an einem untreu gewordenen Volk. Was bleibt, ist gelangweilter Hochmut, Liebesentzug aus Enttäuschung und Werke, in denen leidenschaftlich die Wertelosigkeit dieser Gesellschaft beklagt wird. Das aber ist nicht Führung und taugt nicht zum Vorbild.

In den Focus geraten deshalb immer mehr zwei Gruppierungen, die auf den ersten Blick anachronistisch anmuten: die Führungskräfte der Wirtschaft und der deutsche Adel. Ausgerechnet die, deren Lieblingsbeschäftigung offensichtlich im Zusammenraffen von Fantasiegehältern besteht? Oder die etwas weltfremden Damen und Herren, die auf ihren verfallenden Schlössern vergangenen Welten nachtrauern?

Wer die Diskussion über Managergehälter in Deutschland verfolgt, wird bei objektiver Betrachtung nicht umhin können, vor allem Zeuge einer sehr deutschen Neidkultur zu werden. Es ist schwer, einem Bürger dieses Landes zu vermitteln, dass es Tätigkeiten gibt, die mit zehn Millionen Euro Jahresgehalt durchaus angemessen entlohnt sind. Deswegen leistet sich die Bundesrepublik unterbezahlte Politiker und führt Scheindiskussionen über die Diäten der Abgeordneten. Bei näherer Betrachtung aber fällt auf, dass das Geschrei um Ackermann & Co vor allem enttäuschte Liebe ist: Diese Gesellschaft hat sich die Manager der großen Unternehmen als Vorbilder auserkoren und fühlt sich schmählich zurückgewiesen. Die Vorstände wollen einfach nicht sein, was ihnen ungefragt zugedacht worden ist. Viele Führungskräfte sehen sich überfordert, auch noch an der Spitze einer suchenden Gesellschaft zu stehen, wo sie sich doch in Zeiten fortschreitender Globalisierung schon mit der Leitung ihres Unternehmens ausgelastet fühlen.

Und der deutsche Adel? Der verhält sich in der Tat in der Mehrzahl passiv, weil die meisten Mitglieder die Öffentlichkeit scheuen. Weil sie nicht an eine Vorbildfunktion glauben, weil sie mit der „wertelosen“ Gesellschaft da draußen nichts gemein haben wollen. Weil sie in ihren Mikrogemeinwesen der Großfamilien so wunderbar ihre Werte kultivieren können. Und wagt sich einer raus ins öffentliche Leben, so versagt er sich meistens den Gebrauch seines Adelstitels. Es ist die Angst, mit einigen wenigen schwarzen Schafen des Standes die Titelbilder der Yellow Press zu zieren. Auch hier fällt die Verweigerung der Vorbildfunktion auf. Das Phänomen der Yellow Press erklärt sich aber nicht nur mit Voyeurismus, es ist auch der Versuch, Nähe zu einer Gruppierung der Gesellschaft herzustellen, die man für ihre vielleicht etwas skurrile, aber wohlgeordnete und wertorientierte Lebenswelt bewundert. Man möchte sich etwas „abschauen“, man möchte „werden wie die“.

Beide Gruppen, die Führungskräfte der Wirtschaft und die Mitglieder der deutschen Adelsfamilien, scheuen sich, das zu tun, was sie ohnehin im Alltag mehrfach tun, oder aber über die Jahrhunderte immer wieder getan haben: Führung zeigen und Vorbild sein. Sie müssen Führung in einem gesellschaftlichen Diskurs über Werte ausüben, weil man dies mit ihnen gleichsetzt und von ihnen erwartet und weil sie dadurch die Chance haben, diesen an entscheidender Stelle zu beeinflussen.

Die Manager und Vorstände der deutschen Unternehmen können sich dieser Verantwortung kaum entziehen, auch wenn es viele von ihnen immer wieder versuchen. Sie werden ständig damit konfrontiert, weil sie in ihren Unternehmen diejenigen sind, die Werte setzen. Wie verhalte ich mich, wenn ich Mitarbeiter entlassen muss? Wie führe ich, welchen Ton schlage ich im Arbeitsalltag an? Was für eine Erscheinung bin ich, was ziehe ich an, was nicht? Habe ich eine gesunde Distanz zu Untergebenen oder gebe ich nach vier Bier den ranschmeißerischen Kumpel? Wähle ich klare Worte oder lasse ich meine Mitarbeiter im Vagen? Mache ich jede Mode mit oder widerstehe ich dem Zeitgeist und setze damit ein Zeichen gegen Beliebigkeit?

All diese Fragen bestimmen die Kultur eines Unternehmens, „top down“, von oben nach unten. Als Vorbild setzt der Manager positive oder negative Werte, immer aber setzt er Werte. Auch deswegen müssen die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft von einer lieb gewordenen Tradition Abschied nehmen: Sie müssen selber an die Spitze, nicht mehr nur die sorgsam austarierten Verbände sprechen lassen. Die Interessenvertreter-Gruppen, die in Wahrheit nicht die Interessen der Unternehmer vertreten, weil sie sich schon lange gemein gemacht haben mit den so machtlosen Mächtigen, weil sie Teil des Lobby-Apparates geworden sind, weil ihre gelegentlichen Stellungnahmen peinlich genau vorher abgestimmt werden und also zum bloßen Ritual verkommen sind. Wir nehmen in diesem Land Unternehmensverbände wahr, aber nicht die Unternehmer!

Für die zweite Gruppe, den Adel, bedeutet die Annahme dieser Verantwortung ebenfalls ein großes Umdenken. Seine Mitglieder können nicht länger im Salon den moralisch verkommenden Staat beklagen und sich der Erkenntnis verweigern, dass gerade sie etwas daran ändern können. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, um nicht belehrend zu wirken oder so, als träume man von alten feudalen Zeiten. Viele Adelige geben für diese nötige Sensibilität ein beredtes Beispiel und engagieren sich als ehrenamtliche Führungskraft in sozialen oder karitativen Organisationen. Sie wollen damit ein Zeichen setzen, dass diese Gesellschaft aus sich heraus ohne staatliche Einmischung zur Mitmenschlichkeit fähig ist. Doch dies kann nur ein erster Schritt sein, auf dieses soziale muss ein gesellschaftliches Engagement folgen, weil ohne dies der Schritt zur Verbesserung sozialer Missstände fehlen würde.

Es ist eine Mär zu glauben, dass mitmenschlicher und karitativer Einsatz etwas für die einen ist, und gesellschaftspolitisches Engagement mit all seinen Niederungen etwas für die anderen. Der Adel muss sich die Frage stellen, was aus seinem Tun folgt, für dieses Gemeinwesen und also auch für sich. Im besten, durchaus altruistischen Sinne.

Denn manch eines der Mitglieder alter, hochadliger Familien hat die sich verändernde Rolle schon in den falschen Hals bekommen. Da wimmelt es von Peinlichkeiten im Yellow- und Gesellschafts-TV, da blamieren Standesgenossen die Innung nach Kräften, weil sie glauben, die mögliche Rückkehr einer gesellschaftlichen Funktion des Adels sei schon die Botschaft. Sie beschädigen damit nicht nur ihre eigenen Familien und deren Ruf, sie stoßen in Wahrheit auch ab. Wer als Vorbild erkoren ist, steigt schnell vom gierig erklommenen Sockel, wenn er sich durch schlechtes Benehmen und unterirdische Manieren gemein macht. Am Niedergang des englischen Königshauses ist diese Reaktion einer Gesellschaft gut abzulesen. Fortgesetzte, vorzugsweise öffentlich ausgetragene Beziehungsgefechte einer Vorbildfamilie führten dort zur Erkenntnis: „Die sind ja noch schlimmer als wir, verkracht, ordinär und gewöhnlich.“

Beide Gruppen also, die Manager und die Adligen, tragen Verantwortung für eine Wertediskussion und Werteorientierung. Die jüngsten Debatten um „No-go-Areas“ und brutale Gewalt an Schulen hat viele Bürger wachgerüttelt: In diesem Land gibt es Landstriche, die ein Ausländer, ein farbiger zumal, besser nicht betritt. In diesem Land gibt es zwölfjährige Schüler, die ihre Lehrerin krankenhausreif schlagen. Warum?

Auf diese Frage muss die deutsche Gesellschaft eine Antwort finden, die auf einem frei diskutierten Wertekanon fußt. Nur so werden die Bürger dieses Landes zu einem wirklichen Gemeinwesen, angestoßen und angeführt von glaubwürdigen Vorbildern aus ihrer Mitte.

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