Ärztehass : Ihre Tochter liebt einen Arzt? Das sollten Sie ändern

Der Deutschland-Korrespondent der "Times", Roger Boyes, schreibt exklusiv für den Tagesspiegel über den in Deutschland vorherrschenden Ärztehass. Dabei findet er heraus, dass Klempner durchschnittlich einen höheren Lebensstandard als Ärzte haben.

Roger Boyes[The Times]

Neulich in der Charité saß ich im gleichen Raum, in dem Robert Koch die Tuberkulose-Impfung erfand. Vom Fenster aus sah ich Medizinstudenten im Gras liegen. Sie genossen die Sonne. Soll ich sie dafür beneiden, dass sie dabei sind, in die Fußstapfen des großen Robert Koch zu treten – oder sie darum bedauern?

In den letzten Wochen hatte ich verschiedene Gelegenheiten, mir deutsche Krankenhäuser anzuschauen – und war erschüttert. Gar nicht so sehr über die Patienten – die beklagen sich zwar manchmal, doch im Großen und Ganzen bekommen sie noch immer die beste Versorgung in Europa. Sondern über das Murren der Krankenschwestern, ihre immer offenere Kritik an den Ärzten und dem Krankenhaus-Management.

Immer offenere Kritik an Ärzten

Es lag immer in der Natur von Krankenschwestern, junge Ärzte zu verspotten. Medizinstudenten schreiben Internetforen mit Beschwerden darüber voll, wie sie von Schwestern während ihres Pflegestudiums schikaniert werden. Doch das Grummeln wird lauter. In Krankenhauskantinen geht es in diesen Tagen so zu wie in Schützengräben im Ersten Weltkrieg. Mehr und mehr erodiert die Autorität der Oberen – der Grund dafür ist, dass Geld und Budgets wichtiger werden als die individuellen Bedürfnisse der Patienten. Das ist es, was sich seit den Zeiten Robert Kochs geändert hat: Die bürokratische Energie, die über das Gesundheitswesen hineingebrochen ist, hat aus jedem – ob Patienten, Krankenschwester oder Arzt – einen Kostenfaktor gemacht.

Kein Wunder, sollte Ärztehass einmal das Wort des Jahres werden. An der Spitze der Taschenbuch-Bestsellerliste (in der Charité-Buchhandlung seltsamerweise nicht verfügbar) steht Das Ärztehasser-Buch. Das Kapitel „Feind ist der Patient“ wird so zusammengefasst: „Welche Erziehungsmaßnahmen auf dem Klinikflur Kranke einschüchtern, was den Chefarzt beeindruckt, was es bedeutet, wenn ein Stationsarzt als ,Sieb‘ bezeichnet wird und wie die Patientenabschiebung funktioniert“. Auf Nummer zwei der Bestsellerliste: das Langenscheidt- Wörterbuch arzt–deutsch, deutsch–arzt, das die Sprache der Ärzte verspottet, die Patienten Tatsachen verbirgt.

Deutsche Krankenhäuser sind unglückliche Orte

Auf der einen Seite haben wir Patienten, die sich ignoriert fühlen, die behandelt werden, je nachdem, ob sie Privat- oder Kassenpatienten sind, die naiv hohe Erwartungen an das Gesundheitssystem haben. Auf der anderen Seite überarbeitete, ineffizient eingesetzte Ärzte, die Tag für Tag beobachten müssen, wie ihr sozialer Status sinkt. Aus einer dieser Lohntabellen, die die Boulevardzeitungen so gerne drucken, geht hervor, dass ein Arzt mehr als ein Heizungsingenieur verdient. Ein Arzt verdiene im Durchschnitt 3000 Euro im Monat. Im Durchschnitt von was? Selbst wenn es stimmen sollte, dass er mehr als ein Busfahrer verdient – wo ist das Problem? Sollen wir in Zukunft anders über den Beruf des Mediziners denken? Repariert ein Arzt Körper so, wie ein Heizungsingenieur Heizkörper repariert?

Die Spannung zwischen diesen beiden Polen – dem verwirrten Patienten und dem unter Druck geratenen Arzt – macht deutsche Krankenhäuser zu Orten, die unglücklich sind. Und sie mag das Paradoxon erklären, dass britische Patienten alles dafür tun würden, in Deutschland eine neue Hüfte zu bekommen (kurze Wartelisten, gute Diagnostik), junge deutsche Ärzte dagegen jedes Wochenende nach London fliegen, um dort zu arbeiten (besseres Geld, mehr Verantwortung, weniger Ärztehass).

Klempner, die besseren Männer?

Im alten Griechenland wurden Ärzte wie Handwerker behandelt. Viele Ärzte im alten Rom waren ehemalige griechische Sklaven, denen misstraut wurde. Die ersten Ärztehasser waren Dichter wie Martial. In der modernen Welt waren Ärzte dagegen Teil der städtischen Elite; ein Arzt war ein kluger Mann, ein Philosoph, ein idealer Schwiegersohn. Später, dank des Fernsehens, wurde er gar zum erotischen Helden – siehe Clooney in „Emergency Room“. Doch ist Ihnen mal aufgefallen, dass niemand mehr Arztserien guckt?

Eine US-Studie sagt, warum: Über die Lebenszeit gerechnet hat ein Klempner einen höheren Lebensstandard als ein Hausarzt. Ärzte verdienen spät ihr eigenes Geld, zahlen höhere Steuern, haben Schulden und – zumindest in den USA – hohe Versicherungsprämien. Es gibt Ausnahmen; wir alle kennen mindestens einen Orthopäden, der einen Porsche fährt.

Wenn Sie aber wollen, dass Ihre Tochter standesgemäß heiratet, dann blockieren Sie ihr Klo, holen Sie den Klempner – und laden den Mann zum Essen ein.

Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Bickerich.

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