Meinung : Afghanistan: Und plötzlich sind sie weg

Christoph von Marschall

Über Nacht hat sich das Blatt in Afghanistan gewendet. Die Taliban haben den Norden des Landes verloren, sie haben auch die Hauptstadt Kabul preisgegeben; nun ziehen sie sich in ihre Hochburg Kandahar im Süden zurück. Auch dort werden sie keine Ruhe finden. Die von den USA unterstützte Nordallianz hat bereits den Flughafen erobert, es wird wohl nicht lange dauern, bis auch Kandahar fällt. Die Taliban sprechen von einem geordneten Rückzug; Augenzeugen berichten dagegen von einer regelrechten Flucht. Es sieht ganz nach einem raschen Ende der Taliban-Regierung in Afghanistan aus. Dieses Kriegsziel hätte George W. Bush nach gut fünf Wochen erreicht.

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Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Wieder bricht eine Diktatur, die als wehrhaft und fast unbezwingbar gegolten hatte, in atemberaubendem Tempo in sich zusammen - wie in Osteuropa 1989, wie das Regime des Slobodan Milosevic im Herbst 2000 nach dem verlorenen Kosovo-Krieg. Noch hat man die Warnungen der Zentralasien-Experten und Kriegsgegner im Ohr, dieser Feldzug sei nicht zu gewinnen und werde zu einem zweiten Vietnam für die USA. Haben sie die Macht der Taliban genauso überschätzt, wie führende Ökonomen die Wirtschaftskraft der DDR und viele Balkanspezialisten Milosevics Stehvermögen?

Für Hurra-Rufe ist es zu früh. Dies ist eine Wende, aber der Krieg ist noch nicht gewonnen. Und der Frieden schon gar nicht. Von einer stabilen Nach-Taliban-Ordnung ist das Land weit entfernt. Die Bevölkerung jubelt beim Einzug der Nordallianz in Kabul, sie empfindet den Sturz der Taliban offenbar als Befreiung - aber gejubelt hatte sie auch 1996, als die Taliban einzogen. In Afghanistan haben sich alle Regime der letzten Jahrzehnte wie eine Besatzungsmacht aufgeführt. Im besten Fall wird die kommende Zeit etwas weniger schlimm als unter den Taliban-Fundamentalisten mit ihren Verbrechen an Frauen und Andersdenkenden. Auf die künftigen Herren können der Westen und die UN Einfluss nehmen, sie sind auf finanzielle und militärische Hilfe angewiesen.

George W. Bush ist mit seinem Feldzug gegen den Terror erfolgreicher, als die Kritiker ihm das zugetraut haben. Doch besiegt sind die Taliban noch nicht. Sie ziehen sich in die Berge zurück; von dort aus haben afghanische Widerstandsgruppen fremde Eindringlinge immer wieder erfolgreich bekämpft und schließlich in die Flucht geschlagen. Die amerikanischen Strategen werden sich auch das vorher überlegt haben.

Und die anderen Kriegsziele? Osama bin Laden und seine Helfer sind nicht gefangen. Inwieweit das Terrornetz "Al Qaida" zerschlagen wurde, darüber kann man nur spekulieren. In den zwei Monaten seit dem 11. September ist kein neuer Anschlag gelungen: Das ist ein großer Erfolg.

Die Kriegswende könnte die Kritiker veranlassen, ihre Haltung zu überprüfen und Amerika nach all den Zweifeln vielleicht einen kleinen Vertrauensvorschuss einzuräumen. Man muss sich nur vorstellen, die Forderung nach einer Bombenpause zu Beginn des Ramadan am kommenden Freitag hätte Erfolg gehabt: Dann wären die Taliban jetzt nicht gewichen. Nun aber sind sie dabei, ihren Nimbus als unbesiegbare Helden zu verlieren. Der "böse Drache" Amerika zeigt, dass er sich Respekt verschaffen kann.

Alles, was die Feuerpause bringen sollte, lässt sich nun viel besser erreichen. Vor Wintereinbruch haben die USA und ihre Verbündeten die strategischen Flugplätze unter Kontrolle. Jetzt können Hilfsgüter verlässlich zu den Flüchtlingen und in die Städte gebracht werden - ohne dass die Helfer dabei vom Wohlwollen der Taliban abhängig sind. Das Risiko, dass die Zivilbevölkerung unter den Bomben leidet, sinkt, nachdem die Taliban die sie schützenden Städte aufgeben mussten. Gibt der Erfolg der amerikanischen Kriegsführung nicht Recht?

Das könnte auch den Grünen Mut machen. Je schneller das ungeliebte Militär Erfolg hat, desto früher rücken die zivilen Aspekte des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus in den Vordergrund. Mit Waffen kann man die Feinde des Friedens bekämpfen. Eine stabile und etwas weniger ungerechte Ordnung aber lässt sich nicht herbeibomben. Dafür braucht es Politik.

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