Alles Mitte? : Über die Ordnung der Gesellschaft

Die Angst vor dem Außergewöhnlichen: Warum die Deutschen stets auf der Suche nach Mitte und Maß sind.

Herfried Münkler
Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Humboldt Universität. Der Text ist seinem jüngsten Buch entnommen, das am 17. September erscheint: „Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung“ (Rowohlt Berlin, 19,95 Euro). Foto: picture-alliance/ dpa
Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Humboldt Universität. Der Text ist seinem jüngsten Buch entnommen, das am 17....Foto: picture-alliance/ dpa

Die Mitte gilt als ein Ort der Sicherheit und der Beständigkeit. Während links und rechts Gefahren drohen und sich die Avantgarde in unerkundete Gebiete vorwagt, verspricht die Mitte Ausgleich, Wohlstand, Frieden. Wer in der Mitte bleibt, ist gut beraten: Die von außen andringenden Gefahren betreffen zunächst einmal andere, und man kann von hier aus Bündnisse mit allen Seiten schließen. Außerdem bekommt man bei einem unvorhergesehenen Richtungswechsel leicht die Kurve, um sich danach erneut mittig zu positionieren. Da scheint es zunächst widersinnig, dass der Barockdichter Friedrich von Logau, ein von seiner politischen Grundhaltung her eher konservativer Mann, in einem seiner Sinngedichte festgehalten hat: „In Gefahr und großer Noth/Bringt der Mittel-Weg den Tod.“

Ende der 1960er Jahre ist dieser Zweizeiler in der Bundesrepublik zur Leitmaxime derer geworden, die der penetranten Orientierung der Gesellschaft auf die Mitte überdrüssig waren. All denen, die meinten, in der Mitte lasse sich am ehesten Ruhe und Sicherheit finden, warfen sie mit Friedrich von Logau vor, eine verhängnisvolle Form von Unentschiedenheit und Unentschlossenheit zu fördern. Dabei hatten sie selbstverständlich auch das Verhalten der Deutschen im Nationalsozialismus vor Augen, die mehrheitlich vermieden hatten, sich durch Widerspruch und Widerstand zu exponieren. In einer Situation jedoch, in der man Position beziehen muss, böten die Lebensmaximen von Mitte und Maß keine Sicherheit. Im Gegenteil: Sie führten ins Verderben.

Die Geschichte der Bundesrepublik seit 1949 ist durch diese Debatte über Funktion und Wert der Mitte gekennzeichnet. Das allein schon zeugt von hoher politischer und sozialer Stabilität. Nicht, dass die Mitte gefehlt hätte, war über Jahrzehnte das Problem, sondern es wurde über die Frage gestritten, ob eine starke Mitte womöglich auch Kosten verursache, worin diese bestünden und wie hoch sie seien. Dass ein Land, das keine anderen Sorgen hat als diese, glücklich zu nennen ist, wird man nicht in Abrede stellen wollen. Aber kaum hat man dies zugestanden, muss man sich mit Hegels geschichtsphilosophischer Beobachtung auseinandersetzen, wonach die Perioden des politischen Glücks die leeren Seiten der Weltgeschichte seien. Und in der Tat füllen die Zeiten, in denen die Mitte das Sagen hat, nur sehr knappe Abschnitte im Buch der Weltgeschichte. Wer in ihm liest, wird der Herrschaft der Mitte nicht häufig begegnen beziehungsweise muss schon genauer hinschauen, um ihre Spuren zu entdecken. Ein solcher Versuch soll nachfolgend unternommen werden.

Dass die Geschichte von Staaten und Gemeinwesen mit einer starken Mitte weniger spektakulär ist als die jener, die zwischen den Extremen zerrissen sind, wird durch die Beschäftigung mit den sechs Dekaden bundesrepublikanischer Geschichte bestätigt. Wo man sich an Mitte und Maß orientiert, wird es den Zeitgenossen schnell langweilig. Dass dies während der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland nicht der Fall war, hatte vor allem damit zu tun, dass man nach dem verheerenden Krieg auf Ruhe und Sicherheit aus war. In der Rückschau ist das anders. Dementsprechend richten die Deutschen, wenn sie sich mit ihrer Geschichte befassen, die Aufmerksamkeit gern auf die Zeit zuvor, in der von einer selbstbewussten, starken Mitte und einer an ethischen Maßstäben orientierten deutschen Politik nicht die Rede sein konnte. Das meist als Bereitschaft zur konsequenten Aufarbeitung der Geschichte ausgegebene Interesse an den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft, an zwei Weltkriegen und selbst das an der Weimarer Republik kann auch als neugierige Hinwendung zu jenen Zeiten gedeutet werden, als alles noch spannend und aufregend war. Das Angebot an historischen Dokumentationen, mit denen das deutsche Fernsehpublikum versorgt wird, zeigt jedenfalls ein dramatisches Übergewicht der relativ kurzen Zeit nationalsozialistischer Herrschaft gegenüber der ungleich längeren Zeit der Bundesrepublik. Und was die Geschichte der Bundesrepublik bis 1989 selbst angeht, so wird den Terroranschlägen und Attentaten der „Roten-Armee-Fraktion“ eine unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit zuteil. Das Extreme ist spannender und aufregender als die Mitte.

Die immerwährende Beschäftigung mit Baader, Meinhof und anderen ist eine späte Bestätigung für Hegels Beobachtung, wonach die Perioden politischen Glücks die leeren Seiten der Weltgeschichte seien. Wo die Mitte für eine an Wohlstand und Frieden orientierte Politik sorgt, geschieht wenig Außergewöhnliches, und man sucht nach Abwechslung. Auch wenn heutzutage die Unterhaltungsindustrie dieses Verlangen durchaus sozialverträglich befriedigen kann und so dazu beiträgt, dass es nicht auf den Bereich des Politischen übergreift, besteht die größte Gefahr für eine von der Mitte beherrschte politische Ordnung darin, dass sich eine lähmende Langeweile in der Gesellschaft breitmacht. Insbesondere die Jüngeren werden irgendwann der Ruhe überdrüssig. Die Aktivisten und Engagiertesten unter ihnen halten im Bündnis mit den moralisch Sensiblen und denen, die auf der Suche nach ästhetischer Abwechslung sind, Ausschau nach Anregungen und Aufregungen, und sie können sich dabei der Aufmerksamkeit der Medien sicher sein. Das unverhältnismäßige Gewicht, das diese Suche so bekommt, sorgt freilich auch dafür, dass von den Rändern her eine Erregtheit in die Mitte hineingespiegelt wird, die einen unverzichtbaren Beitrag zu deren innerer Stabilisierung leistet. Die begrenzte Unruhe an der Peripherie verhindert, dass die Ruhe in der Mitte dieser gefährlich wird. Die Mitte ist somit in weitaus höherem Maße auf die sie umgebenden Extreme angewiesen, als sie wahrhaben will. Sie zapft den notorischen Erregungszustand der Peripherie an, um die Ruhe zu bewahren. Das aber heißt, dass die Mitte beschränkt bleiben muss. Wo alles Mitte ist, ist es mit der Mitte schnell vorbei. In diesem Sinne ist sie nicht nur der Hüter des Maßes, sondern muss auch selbst Maß halten. Das fällt ihr nicht immer leicht.

Nun scheint die für die Bundesrepublik seit ihrer Gründung charakteristische Expansion der Mittelschichten, denen sich schließlich weit mehr als die Hälfte aller Deutschen zugehörig fühlten, inzwischen an ein Ende gekommen zu sein, und allgemein ist von einer Trendumkehr die Rede. Kaum hatte das neue Jahrtausend begonnen, setzte eine bis heute anhaltende Debatte über die Bedrohung der Mitte ein, wobei die einen deren Überlastung durch immer höhere Transferleistungen beklagen, während die anderen vor dem drohenden Zerfall der Mitte warnen, da die Besserverdienenden die Solidarität mit jenen aufgekündigt hätten, denen der soziale Abstieg drohe. Für die einen stellt ein aus den Fugen geratener Wohlfahrtsstaat das Problem dar, für die anderen ein entfesselter Kapitalismus: Nachdem es in Europa nach dem Krieg gelungen war, mit einer Reihe von ordnungspolitischen Maßnahmen dessen zerstörerische Kräfte zu bändigen, habe man es jetzt mit einem Kapitalismus zu tun, der keinerlei Maß mehr kenne. Der Vorwurf, die Gier einiger Manager und Investmentbanker sei für die Finanz- und Wirtschaftskrise verantwortlich, wird durch die Forderung des Maßhaltens ergänzt; sie hat in der Krise Konjunktur. Aber wer soll maßhalten? Die einen richten diese Forderung an die wirtschaftliche Elite, die anderen an den Rest der Gesellschaft, insbesondere an die Transferempfänger. Die Debatte über die richtige Ordnung der Gesellschaft ist vor allem eine Debatte über das rechte Maß. Welche Rolle spielt dabei die soziopolitische Mitte? Ging man in den ersten fünf Dekaden der Bundesrepublik noch davon aus, dass eine starke Mitte in der Lage sei, dem rechten Maß in der Gesellschaft Geltung zu verschaffen, so haben sich mittlerweile Ursache und Wirkung umgekehrt – wo das Maß verloren gegangen sei, werde auch die Mitte keinen Bestand haben.

Während der Alarmismus einer gesellschaftlichen Spaltung im Wesentlichen als Hilferuf der unteren Mitte zu verstehen ist, die aus der Mitte herauszufallen und in die Unterschicht abzusinken droht, so ist die Warnung vor einer Überforderung der Leistungsträger, ihrem schrumpfenden finanziellen Spielraum infolge von Steuern und Sozialabgaben, ein Hilferuf der oberen Mitte: Die Grenze der Belastbarkeit sei erreicht, wenn nicht längst überschritten. Der immer wieder aufflammende Streit über Ausgabenkürzungen des Staates oder Steuererhöhungen, fehlende Leistungsgerechtigkeit oder mangelnde Solidarität ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die soziopolitische Mitte jene relative Geschlossenheit verloren hat, die der Bundesrepublik über Jahrzehnte eine bemerkenswerte politische Stabilität verlieh. Die soziale Dynamik der westlichen Gesellschaften insgesamt und Deutschlands im Besonderen hat sich umgekehrt. Statt die Mitte zu stärken, befördert sie seit einiger Zeit die soziale Polarisierung. Um diese in Grenzen zu halten, sind immer größere staatliche Transferleistungen vonnöten. Die aber lassen sich nicht finanzieren, ohne die obere Mitte noch stärker zu belasten. Diese wiederum setzt der Warnung vor der Spaltung der Gesellschaft die vor dem Ruin der Mitte entgegen, die ausgepresst und in die Zange genommen werde.

Das ist die andere Seite des Mitte- Diskurses: Wo von der Gefahr die Rede ist, man könne in die Zange genommen werden, da erscheint die Mitte nicht als ein in sich ruhendes Zentrum, da ist sie keine stolze, dominante Mitte, sondern ein Ort des Bedroht- und Gefährdetseins, der Einschließung durch einen Ring von Feinden, die den Umzingelten erdrücken und erwürgen wollen. Diese Vorstellung, die in den letzten Jahren für das Selbstbild der oberen Mitte bestimmend geworden ist, entstammt der Geopolitik und hat die geostrategischen Vorstellungen der politisch-militärischen Eliten Deutschlands zwischen Reichsgründung und bedingungsloser Kapitulation im Mai 1945 geprägt. Die Angst, eingekreist zu werden, schlug sich immer wieder in Plänen zur Führung eines „Präventivkriegs“ nieder, mit dem man den Ring der (möglichen) Feinde sprengen wollte, und gelegentlich hoffte man auch, die Mittellage lasse sich nutzen, um von ihr aus eine beherrschende Position innerhalb Europas zu erlangen. Es war nicht zuletzt die geopolitische Position in der Mitte, die für die Geschichte Deutschlands – und damit Europas – im 20. Jahrhundert entscheidend geworden ist.

Mit der Überlagerung geopolitischer durch geoökonomische Fragen hat der Mitte-Diskurs eine neue Wendung genommen. Der rasante wirtschaftliche Aufstieg Chinas löste eine weitere Welle des Alarmismus aus: Europa (beziehungsweise der atlantische Raum unter Einschluss der USA), das seit den Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts die Position im Zentrum der Weltwirtschaft erlangt und schrittweise ausgebaut hat, stehe im Begriff, an den Rand gedrängt und zur weltwirtschaftlichen Peripherie zu werden. Die eigenen Rohstoffe sind weitgehend erschöpft, die Bevölkerung ist im Vergleich mit den jungen, aufstrebenden Regionen überaltert, und die Fähigkeit zu dynamischer Innovation hat spürbar nachgelassen. Europa ist alt und müde geworden. Es hat die Kraft verloren, die weltwirtschaftlichen Fäden in der Hand zu behalten. Vor allem in Deutschland als dem wirtschaftlich stärksten und wichtigsten Land Europas wird diese neue Debatte über den „Verlust der Mitte“ geführt. Es ist abermals eine Bedrohungsdebatte. Aber während es im frühen 20. Jahrhundert um die Frage ging, welche Gefahren die geostrategische Mittellage berge, steht heute die Angst im Vordergrund, man könne an die Peripherie geraten. Was für die Deutschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fluch der Mitte war, ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts der drohende Verlust dieser Position geworden. So ist die Mitte ein genuin deutsches Thema. In den letzten zwei Jahrhunderten waren die Deutschen fortwährend mit der Mitte beschäftigt. Wenn sie nicht auf der Suche nach ihr waren, trieb sie die Vorstellung um, sie müssten sich vor den mit ihr verbundenen Gefahren schützen. Und als sie zwischen 1945 und 1990 die Position in der Mitte des Kontinents verloren hatten, weil das geteilte Europa keine Mitte mehr besaß, bildete sich in der Bonner Republik eine starke gesellschaftliche Mitte heraus, wie es sie zuvor noch nie gegeben hatte, in dieser Form bei den europäischen Nachbarn nicht gab und vorerst auch in Deutschland nicht mehr geben wird. Es ist daher anzunehmen, dass die mitteversessenen Deutschen sich auf die Suche nach neuen Mitten machen werden, auch wenn im Augenblick nicht abzusehen ist, wo sie diese finden wollen oder finden können.

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