Meinung : Alte Nationalgalerie: Ein Festtag für die Insel

Die feierliche Wiedereröffnung der Alten Nationalgalerie am heutigen Sonntag markiert einen Festtag im trüben Spätherbst. Mit dem beispielhaft restaurierten Bauwerk, aber ebenso mit der Zusammenfügung der lange zerrissenen Sammlung zum 19. Jahrhundert erhält Berlin eine Ahnung davon, wie es einmal aussehen könnte auf der Museumsinsel - wenn sie denn mit gleicher Sorgfalt fertig gestellt werden sollte. Das ist bereits seit der Wiedervereinigung von 1990 erklärtes Ziel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - seit der Rede Gerhard Schröders zum Richtfest der Alten Nationalgalerie vor zwei Jahren, dem ersten Auftritt eines Bundeskanzlers bei der Preußen-Stiftung überhaupt, zugleich auch das der Bundesregierung.

Heute nun wollte Schröder das Engagement des Bundes für die "Insel" noch weiter befestigen. Die Außenpolitik verhindert seinen Auftritt; an seiner statt wird Kulturstaatsminister Nida-Rümelin erläutern, unter welchen Bedingungen der Bund die Sanierung der Museumsinsel mit einem Gesamtaufwand von reichlich zwei Milliarden Mark zur Gänze tragen will. Damit wäre Berlins maroder Haushalt entlastet - aber die Stadt mitnichten frei von der Verantwortung, dieses Herzstück ihres Selbstbildes nach Kräften zu pflegen und zu fördern. Zuletzt gab es an Wortbruch grenzende Verzögerungen, die allein der Berliner Notlage geschuldet waren. Das Versprechen, binnen eines Jahrzehnts bis 2010 mit der Museumsinsel zu Rande zu kommen, rückte bereits in quälende Ferne.

Dass der Bund die Angelegenheiten der Preußen-Stiftung so ausdrücklich als nationale Aufgabe begreift, wie dies - der vermeintlichen Kulturhoheit der Länder wegen - noch nie zuvor der Fall war, ist ein Segen für beide, die Stadt und die Stiftung. Denn in den kostbaren Sammlungen, aber auch ihren architektonisch wertvollen Gebäuden, verkörpert sich ein Teil des besten Erbes unseres Landes. Die Museumsinsel entspringt jenem bürgerlichen Bildungsideal, das nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon den Wiederaufstieg des ganzen, politisch zerrissenen Landes als Kulturnation bewirkte und stets das Gegengewicht bildete zu Machtstreben und Herrscherwillkür. Auch über die schwersten Zeiten hinweg bewahrte die "Insel" in ihrem Bild jene Zivilität, die heute unter dem Signum der "Bürgergesellschaft" das Selbstverständnis des vereinten Deutschland prägt. Allein schon darum - und nicht in erster Linie wegen der in Anlage und Umfang so verschiedenartigen Sammlungen - trifft der gern gezogene Vergleich mit dem Pariser Louvre nicht. Was in Paris oder auch London als Ergebnis einer langen Tradition als Welt- und Kolonialmacht zu besichtigen ist, unterscheidet sich von dem aus wissenschaftlichem, ja moralischem Antrieb gewachsenen und stets von engagierten Bürgern beförderten Berliner Museumsverbund. Die Alte Nationalgalerie spiegelt in ihrer Geschichte den Anspruch auf die Freiheit von Bildung und Selbsterziehung vor dem Maßstab der Weltkultur. Diese Institutionen zu unterhalten, war einmal die selbstverständliche Verpflichtung Preußens. Für Berlin allein ist die Bürde zu groß. Dass der Bund sich - endlich - zur Gänze dieser Aufgabe annimmt, ist ein Glanzpunkt inmitten der Sorgen der Tagespolitik.

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