Meinung : „Alter an sich ist doch kein Kriterium“

Christiane Tewinkel

Sechsundachtzig ist er mittlerweile, er geht längst am Stock und arbeitet dennoch zwölf Stunden am Tag, er leitet die Bayreuther Festspiele seit 40 Jahren und glaubt trotzdem, dass ihm noch immer niemand das Wasser reichen kann: „Alter an sich ist doch kein Kriterium.“ Wolfgang Wagner, Bayreuther Festspielleiter auf Lebenszeit, 1919 dortselbst geboren, Ur-Enkel Franz Liszts, Enkel Richard Wagners, Sohn von Siegfried Wagner und dessen Frau Winifred, die sich später eng mit Hitler befreunden sollte. „Als er dann zum wichtigsten Mann im Deutschen Reich aufgestiegen war“, erzählte Wagner eben der „Süddeutschen Zeitung“, „haben wir Kinder ihm das ,Sie’ angeboten. Aber Hitler erwiderte nur: Das kommt nicht in Frage.“

Unter Wolfgang Wagners Ägide fand die Hälfte der Vorstellungen statt, die seit der Uraufführung des „Ring“ 1876 auf dem Grünen Hügel gegeben wurden. Fränkisch-knorrig, bekannt für seine oftmals ruppige Art, hat der Wagner-Enkel es verstanden, gut zu wirtschaften, einen Festspielbetrieb am Laufen zu halten, dessen Publikum zu einem Drittel aus internationalen Besuchern besteht, und sogar jene Stimmen zu besänftigen, die in ihm allein den Regie-Handwerker und Restaurator sehen möchten, „nur“ den jüngeren Bruder des genialen Wieland, der schon 1966 starb.

Mehr als zwei Dutzend Verträge sichern Wagners Position als Festivalchef. Für den Mut, avancierte Regisseure zu engagieren, ist er dabei ebenso bekannt geworden wie für seine Sturheit bei der Diskussion um seine Nachfolge. Gegen Wolfgang Wagners autokratischen Führungsstil, zu dem Ansagen wie „Wenn hier einer buht, schmeiß ich alle raus!“ gehören (bei der Generalprobe zu Schlingensiefs „Parsifal“ vor zwei Jahren), kommen seine Nichte Nike und selbst die eigene Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier, kaum an – obwohl doch beide hochgelobt sind als Intendantinnen in Weimar beziehungsweise Aix-en-Provence.

Lieber baut Wagner seit Jahren die kaum 30-jährige Tochter aus zweiter Ehe auf, Katharina. Sie hat vor einigen Monaten erst an der Deutschen Oper ihren umstrittenen Berliner Regie-Einstand gegeben und längst erklärt, dass ihr an Teamwork mehr liegt als am Arbeitsstil des Vaters. „Er ist viele Personen in einer. Das wird es so in Bayreuth sicher nicht mehr geben.“ 2007 wird die Wagner-Nachfahrin der dritten Generation mit den „Meistersingern“ in Bayreuth debütieren.

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