Alzheimer : Assauers Nachspielzeit

Es ist berührend, wie der ehemalige Schalke-Manager mit seiner Erkrankung in die Offensive geht, denn nicht jeder traut sich das. Wenn es einen wie Rudi Assauer erwischt, dann wissen es alle. Dann fallen Tabus.

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Rudi Assauer, ehemaliger Manager von Schalke 04.
Rudi Assauer, ehemaliger Manager von Schalke 04.Foto: dpa

Du berührst noch immer“, schreibt eine Ines vor ein paar Tagen in das Online-Kondolenzbuch für Christoph Schlingensief. Er ist vor anderthalb Jahren, am 21. August 2010 gestorben. Er hatte Lungenkrebs. Er war einer der größten Künstler Deutschlands. Zu seiner provokativen und zuletzt auch so viel Trost spendenden Künstlerexistenz gehörte der spektakuläre Umgang mit der Krankheit, mit dem Tod. 2009 war Schlingensief Jury-Mitglied der Berlinale, bald darauf erschien sein Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“. Darin schreibt er von Krankenhaus und Therapie, von Wut, Gott und Liebe. Und von der Scheißangst.

Ja, es berührt – wie Rudi Assauer jetzt mit seiner Alzheimer-Erkrankung in die Offensive geht. Er bringt ein Buch heraus, dessen Titel unverwüstlichen Humor verrät („Wie ausgewechselt. Verblassende Erinnerungen“). Assauer ist Fußballer, einst Europapokalsieger mit Dortmund, später Manager bei Werder Bremen und Schalke 04 – ein eleganter Malocher, ein Macho-Werbegesicht, Stammgast bei den Boulevardmedien, Bundesliga-Urgestein. Wenn es so einen erwischt, wenn einer wie Rudi Assauer seine Diagnose nicht länger verheimlicht, dann wissen es alle. Dann fallen Tabus, die um das Unerträgliche aufgerichtet sind. Dann wird es für den einen oder die andere in ähnlicher Lage ein wenig erträglicher.

Es war schockierend und berührend, Muhammad Ali, den großartigsten Boxer aller Zeiten, noch einmal zu sehen, im Fernsehen. Zwei Minuten lang zeigte er sich in seinem Heimatort Louisville den Gästen, die sich zur Feier seines 70. Geburtstags versammelt hatten. Ali leidet an der Parkinson-Krankheit. Es sah schlimm aus. Er musste gestützt werden. Wie viel Zeit bleibt ihm noch?

Öffentliches Leiden, öffentliches Sterben, das Verschwinden der letzten Intimsphäre – bietet die Welt überhaupt noch eine Alternative, zumal bei Prominenten? Das Berührende ist die Art und Weise, wie ein Rudi Assauer auf den Schlusspfiff zugeht und vielleicht eine Nachspielzeit erzwingt. Wie er mit einem Befreiungsschlag die Spekulationen um seine Gesundheit beendet. Es hat mit Würde und mit Mut zu tun.

Gunter Sachs wählte einen anderen Weg, als er von seiner Alzheimer-Diagnose erfuhr. Ohne öffentliche Ankündigung, ohne diese Publizität, die nicht jeder aushält. „Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben, wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten“, schrieb er im Mai 2011 in seinem Abschiedsbrief. Dann nahm er sich das Leben.