Meinung : Am Ende der Verteidigung

Berichterstattung zum Fall zu Guttenberg

Ein großes Dankeschön an Peter von Becker für die Analyse der Abgangsrede von Herrn zu Guttenberg. Leider hat die Reihe von rhetorischen Blendern eine lange und unheilvolle Tradition in Deutschland. Da kann man nur auf die Karriere von Deutschlands Superstars hoffen: Heute von ihrem Publikum umjubelt und morgen vergessen.

Dietmar Kiele, Berlin-Zehlendorf

Auf der Klatsch- und Tratschseite veröffentlichen Sie eine Nachricht über eine bevorstehende Hochzeit. Darin verwenden Sie die Bezeichnung „deutscher ... Hochadel“. Wie mittlerweile jedem Bildungsbürger und auch Redakteur bekannt sein dürfte, gibt es in Deutschland seit 1919 keinen Hoch-, Mittel- oder sonstigen Adel. Sie scheinen eine Agenturmeldung mittels „copy“ und „paste“ in Ihre Seite eingefügt zu haben, von irgendeiner Recherche oder redaktioneller Betreuung ist nichts zu spüren. Tritt jetzt jemand zurück? Oder ist das ein entschuldbarer Fehler? Tut mir leid, dass ich mich so aufrege, aber über Guttenberg triumphieren jetzt viele Leute, die auch ein Glashaus errichtet haben.

André Schumann, Berlin-Kaulsdorf

Begriffe bestimmen öffentliche Debatten. In der Plagiatsdiskussion sprach Karl-Theodor zu Guttenberg bis in seine Rücktrittsrede hinein konsequent davon, „Fehler“, ja „gravierende Fehler“ in und mit seiner Doktorarbeit begangen zu haben. Seine politischen Verteidiger folgen ihm darin bis heute. Wie man sieht, ist das rhetorisch ungeheuer wirksam. Denn es verführt zwingend zu der Folgerung: Fehler sind menschlich, Fehler sind verzeihlich und wenn er sich also entschuldigt (nicht etwa „um Entschuldigung gebeten“!) hat, dann müsse dies akzeptiert werden. Diese Folgerung basiert jedoch auf einer grundfalschen Voraussetzung. Die gezeigte Reue ist nicht aufrichtig. Denn es handelt sich eben nicht um einen oder mehrere verzeihliche „Fehler“, sondern um ein offenkundiges, über viele Jahre mit großer Sorgfalt betriebenes systematisches Vortäuschen eigener wissenschaftlicher Leistung. Die Dissertation zu Guttenbergs ist nicht Ergebnis von „Fehlern“, sondern Zeugnis krimineller Energie. Über diese viel gravierendere Tatsache vermögen er und seine Verteidiger die breite Öffentlichkeit bislang sehr wirkungsvoll zu täuschen.

Dr. Franz Eyckeler, Berlin-Schöneberg

Ich mache mir zunehmend große Sorgen sowohl um das moralische Niveau unserer Gesellschaft als auch um das in ihr vorherrschende Rechtsempfinden. Ist er doch ein Aufschneider, Lügner und Betrüger bis über sein schlechtes und zu spätes politisches Ende hinaus und der Beliebteste seines Fachs in diesem Land! Macht er sich endlich mit dem ihm eigenen Pathos vom politischen Acker und hinterlässt einen riesigen Scherbenhaufen, beklagen seine Anhänger auch noch angebliche Niedertracht und Hetzkampagnen seiner Gegner. Selbst zu der vollkommen inakzeptablen und leider kommentarlos gesendeten Behauptung, die „schlimmste Menschenjagd der Neuzeit“ erlebt zu haben, lassen sie sich hinreißen (Anruferin am 2.3. in „Guten Morgen Berlin“, Radio Berlin 88,8). Zu dieser und den anderen Bewertungen, die nun tatsächlich und unbestreitbar abstrus sind, fällt mir nichts mehr ein, außer Entsetzen – oder vielleicht noch die vermutliche Trauer über den Verlust des nächsten deutschen Kaisers – nach Wiedereinführung der Monarchie. Diese adlige Lichtgestalt der Redlichkeit hätte natürlich nie einfach nur Kanzler werden dürfen. Mindestens ebenso indiskutabel ist in dieser Angelegenheit allerdings auch die Rolle der Beteiligten der Universität Bayreuth. In diese Richtung hätte ich mir eine identische Empörung seitens der Wissenschaft gewünscht – aber, siehe Anfang.

Dietmar König, Berlin-Halensee

Gut, dass Herr Guttenberg jetzt Zeit hat für gründliche Selbstbetrachtungen. Möge er das Augenmerk auf seine abträgliche Seite richten. Da ist System drin, offenbar schon Jahre, mit ungebremster Selbstgefälligkeit und Dreistigkeit, mit Täuschen, Betrügen und Schuldverschieben auf andere. Warum hat er das nur gelernt? Aber es sind weitere Fragen zu beantworten. Fragen an seine Parteigänger/innen, die ihre Misere nicht alle glauben oder die sie nur übergehen wollen. Haben sie niemals gesehen, dass dieser ihr eloquenter, zupackender und medial begabter Kollege blendende Negativseiten hat? Haben sie seine übereilten, demütigenden Urteile in der Kundus- und der Gorch-Fock-Affäre einfach weggesteckt? Haben sie seine eklatante Fehlkalkulation der Bundeswehrreform überhaupt erfasst? Riesige Einsparungen verkünden, wenn bald darauf mehr Steuergeld nötig erscheint? War das grobe Fahrlässigkeit oder Täuschung? Konnten sie ihren Minister wirklich für solide halten, bis zuletzt? Seine Plagiate und seine Lügen dazu? Die glänzenden Umfragewerte waren schon verlockend. Aber entsprechen diese nicht auch dem zunehmend populären Ego-Kult? Der sich auch im Verteidigen der Macht mittels stets Mauschelei-verdächtigem Problem-Aussitzen niederschlägt. Wann werden sie verstehen, dass massiv betriebenes, trübes Machtkalkül in die Hose geht, wie in der Guttenberg-Affäre? Mehr Nachdenklichkeit und Offenheit sind ihnen allen und dem Gemeinwohl endlich und dringlich zu wünschen.

Sepp Seyfert, Berlin-Steglitz

Aber zu Guttenberg war mit der Reform der Bundeswehr und seines Ministeriums AUTHENTISCH (kein Plagiator)! Und er hatte einen BEGRIFF vom Sitz des Verteidigungsministeriums am Sitz von Bundestag, Kanzleramt, Außenamt, weshalb wenigstens mal „Bündelung der Ministerialfunktionen in Berlin“ spruchreif geworden ist. Da darf man gespannt sein, ob sich der Nachfolger, gebürtiger Bonner, reiner Verwaltungsexperte, hier wie als Innenminister, bloß so nähert, dass er Dienstsitze, egal ob einen oder zwei, perfekt verwaltet: (Ausbau von Videokonferenzen, erhöhtes Reisen nach Bonn). Und ob er nach zu Guttenbergs Vorstoß nicht wenigstens aufs Parlament stößt: Dass das jetzt nachhakt nach OFFIZIELLEM erstem Dienstsitz in Bonn und „Umschichtung“ bzw. „ferngehaltene Gesetzesänderung“ thematisiert! Das ist bisher wie starr auf den Ansatz „Mehrkosten“ rückverwiesen – bescheinigte Reibungsverluste sind wie weggewischt davon.

Jürgen Spiegel, Berlin-Neukölln

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