Meinung : Amerikas Antwort: So wenig Krieg wie möglich

Der Heilige Krieg zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen hat begonnen." So kommentierte Osama bin Laden den amerikanischen Gegenschlag. Bin Laden irrt. Auch hier. Was gestern Abend begann, ist kein Krieg gegen den Islam, keiner gegen Afghanistan, ja nicht einmal gegen die Taliban, sondern ein Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Nun wird er auch mit militärischen Mitteln geführt.

Soweit bis jetzt ersichtlich, tun die Amerikaner weiterhin alles, um einen Heiligen Krieg gerade zu verhindern. Präsident Bush hat in seiner Rede nicht an seine Rhetorik der ersten Tage nach dem 11. September angeknüpft. Kein Wort von Rache, kein Tot-oder-lebendig. Stattdessen hat er zugleich kühl und pathetisch sein Kriegsziel genannt - die Basis für den Terror zu zerstören. Ihm kommt es offenbar nicht darauf an, triumphierend den Kopf von Osama bin Laden zu präsentieren, sondern den Osama bin Laden in den Köpfen vieler Araber zu bekämpfen.

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Fotostrecke: Militärschlag gegen das Taliban-Regime Das heißt eben auch, bin Laden und seinen Sympathisanten möglichst wenige Argumente zu liefern. Die Schläge sind, so weit bekannt, nur gegen militärische Ziele und gegen die Infrastruktur gerichtet. Die Operation "dauerhafte Freiheit" beginnt weder mit einem ganz kleinen Einsatz, der sich nur bin Laden "holen" will, noch mit Flächenbombardements. Und er wird begleitet von neuen Hilfslieferungen für das afghanische Volk. Mehr kann man für den Moment kaum tun, damit die Cruise Missiles möglichst wenige Kollateralschäden anrichten, auch nicht in den Köpfen der arabischen Massen.

Aber musste es überhaupt noch ein militärisches Eingreifen geben? Wo doch vier Wochen lang diplomatisch alles so gut gelaufen ist? Hätte man sich nicht darauf konzentrieren können, die Ursachen des Terrorismus zu beseitigen? Das ist die tiefe, eine philosophische, fast religiöse Frage, auf die der Gegenschlag eine Antwort geben soll. Sie lautet: Das Böse braucht keine Ursachen. Der Mensch selbst ist die Ursache des Bösen. Soziale Faktoren verstärken es nur und spitzen es zu - bis hin zum Massenmord von New York. Man muss beides zugleich bekämpfen, das Böse unmittelbar und frontal, die Ursachen, die es verstärken, mittelfristig und umfassend.

Hoffentlich ist diese Antwort richtig. Doch die Risiken sind hoch, so oder so. Gestern Abend kreisten Abfangjäger über New York, und die Sicherheitsmaßnahmen in den westlichen Hauptstädten wurden verstärkt. Das beweist natürlich nicht die Defensivstärke der westlichen Zivilgesellschaften, sondern nur ihre Hilflosigkeit. Denn Attentate von Selbstmördern kann man so nicht ausschließen. Wenn die Terroristen die Kraft zu Gegen-Gegenschlägen haben sollten, dann ist die Annahme unbegründet, dass sie auf die gleiche Weise und an denselben Orten zuschlagen wie zuletzt.

Auch von der deprimierenden Beruhigung, die von den aktuellen Fernsehbildern ausgeht, sollte man sich nicht täuschen lassen. Es sieht so aus wie im Golfkrieg vor zehn oder wie beim Kosovo-Krieg vor zwei Jahren - es ist aber nicht dasselbe. Diesmal sind wir, diesmal ist der Westen selbst unmittelbar auf seinen Territorien angegriffen. Dass die amerikanische und auch die Bundesregierung in dieser Lage so kühl reagieren, ist eine große Leistung der Politiker. Aber auch ein Erfolg ihrer Kritiker, der Bürger und der Medien, die allesamt diesmal vernünftiger reagiert haben als in vielen Krisensituationen vorher, die für uns weniger gefährlich waren als diese.

Das jedenfalls stimmt in diesen bangen Stunden zuversichtlich.

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