Beitrittskandidaten : EU-Orientierung auf dem Westbalkan hat trotz Euro-Krise Bestand

Die regionale Stabilität Südosteuropas, Kernanliegen der EU-Erweiterungspolitik, muss weiter unterstützt werden. Hierzu ist es notwendig, dass der europäische Gedanke wieder stärker in die Öffentlichkeit getragen wird.

Dušan Reljic
Näherin in Serbien. Die Volkswirtschaften der Westbalkanländer befinden sich im freien Fall. Trotzdem spricht sich mehr als die Hälfte der Südosteuropäer für einen EU-Beitritt aus.
Näherin in Serbien. Die Volkswirtschaften der Westbalkanländer befinden sich im freien Fall. Trotzdem spricht sich mehr als die...Foto: dapd

Zum ersten Mal, seitdem es das Eurobarometer gibt, lehnt die Mehrheit der Befragten aus den EU-Mitgliedstaaten die Aufnahme weiterer Länder in die Europäische Union ab. Derzeit sprechen sich 53 Prozent gegen eine erneute Erweiterung der EU aus. Am stärksten ausgeprägt ist die Ablehnung in Deutschland: Nur 20 Prozent würden die Aufnahme weiterer Staaten in die EU begrüßen. Allein in Polen gibt es mit 62 Prozent weiterhin eine eindeutige Mehrheit für die Erweiterung. Angesichts der Zuspitzung der Eurozonenkrise geht die Bereitschaft der EU-Bürger zur Solidarität mit den "armen Verwandten" in Südosteuropa, die sich als Beitrittskandidaten vor den Toren der EU aufgestellt haben, offenbar abhanden.

Dabei hätten gerade die ökonomisch schwer angeschlagenen Westbalkanländer die ausgestreckte Hand der EU dringend nötig - wie vormals die postsozialistischen Staaten Mitteleuropas oder seinerzeit die postautoritären Staaten Südeuropas (Portugal, Spanien, Griechenland). Immerhin ist die Krise auf dem Westbalkan nur partiell hausgemacht, der überwiegende Teil der akuten Probleme ist die Folge der "Ansteckung" durch das enge Verhältnis zur EU. Seitdem die Wirtschaftskonjunktur in den wichtigsten EU-Partnerländern schwächelt, befinden sich die Volkswirtschaften der Westbalkanländer im freien Fall. Im Außenhandel, den sie zu etwa 60 Prozent mit der EU betreiben, bei den Kapitalinvestitionen sowie im Bankwesen ist die Region weitgehend, in absteigender Reihenfolge, von Deutschland, Italien, Österreich, Griechenland, Frankreich und Ungarn abhängig. Die Krise in der Eurozone hat dazu geführt, dass die Exporte aus Südosteuropa in die EU und die Investitionen von Unternehmen aus der EU schrumpfen. Die Banken auf dem Westbalkan sind weitgehend in italienischer, österreichischer, griechischer und französischer Hand. Viele von ihnen sind gefährdet und weichen daher vor der Vergabe von neuen Krediten zurück.

Die wirtschaftliche Transition ist in den meisten Westbalkanstaaten gescheitert

In den meisten Westbalkanstaaten hat das von der EU, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und anderen internationalen Partnern gepriesene Transitionsmodell versagt. Zwar sind die Wirtschaftssysteme in der Region in den letzten zwei Jahrzehnten liberalisiert worden, Industrieproduktion und internationale Wettbewerbsfähigkeit sind aber zugleich gesunken, Auslandsverschuldung und Haushaltsdefizite gestiegen. Die weitgehende Privatisierung der Wirtschaft und die massive Aufnahme von Krediten im Ausland haben nicht den versprochenen Modernisierungs- und Exportschub bewirkt. Im Gegenteil: Weite Teile der Realwirtschaft sind untergegangen, und der aufgeblähte Handels- und Dienstleistungssektor ist nicht ertragreich genug, um die Schulden zu bezahlen und neues Wachstum zu ermöglichen.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben