Gastbeitrag : Wie zu Humboldts Zeiten

Vor dem Deutschland-Besuch des mexikanischen Präsidenten Calderon schreibt die mexikanische Außenministerin Cantellano in einem Gastbeitrag über gemeinsame Ziele beider Länder.

Patricia Espinosa Cantellano

Vor 200 Jahren begann die Unabgängigkeitsbewegung der lateinamerikanischen Nationen. Noch bevor sie ihr Ziel erreichten, hatten die Naturschätze, die Mannigfaltigkeit und Vielfalt der Völker Lateinamerikas bereits das Interesse zahlreicher europäischer Forscher und Wissenschaftler geweckt. Eine dieser großen Persönlichkeiten war zweifelsohne Alexander Freiherr von Humboldt.

In seinem „Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien“ (1811) zeigte sich die Größe Humboldts als Wissenschaftler und Humanisten, den der Freiheitskämpfer Simón Bolívar als den „wissenschaftlichen Entdecker der neuen Welt“ bezeichnete. Alexander von Humboldts Wirken beeinflusste nicht zuletzt die Identitätsbildung und das nationale Selbstbewusstsein der mexikanischen Gesellschaft, indem er den ungeheuren Reichtum des Landes und seine Menschen beschrieb, erfasste und klassifizierte. Alexander von Humboldt hat den Grundstein der Beziehungen zwischen beiden Ländern gelegt, die sich heute so zahlreich und vielfältig gestalten.

Mir scheint, dass es der unvoreingenommene, respektvolle und von Wertschätzung geprägte Blick von Humboldts auf alles, was mit Mexiko zu tun hatte, war, der die Beziehungen zwischen dem mexikanischen und dem deutschen Volk nachhaltig prägen sollte und die Grundlage unserer heutigen, nicht nur engen, sondern auch vertrauensvollen Beziehung darstellt.

Immer engere gesellschaftliche Beziehungen

Deutschland und Mexiko verbindet eine Jahrhunderte alte gute Freundschaft, die seit der Unabhängigkeit Mexikos durch einen intensiven Austausch gewachsen ist. Die mexikanischen Handelsbeziehungen zu den Hansestädten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts festigten sich nach der deutschen Reichsgründung und führten schließlich zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 131 Jahren. Die Modernisierung, die sich Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Mexiko vollzog, begründete einen Handelsaufschwung und gab den Ausschlag für deutsche Investitionen und die Einführung deutscher Technik in Mexiko.

Heute unterhalten beide Länder solide Wirtschaftsbeziehungen. Die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos im Automobilsektor, der elektronischen und chemischen Industrie wäre ohne das jahrzehntelange Vertrauen deutscher Investoren nicht denkbar. Allein in den letzten 10 Jahren - einer Zeit der Konsolidierung demokratischer Strukturen in Mexiko - haben deutsche Unternehmen über 3,8 Milliarden US-Dollar in Mexiko investiert.

Deutschland ist der viertgrößte Investor und wichtigste Handelspartner Mexikos in der Europäischen Union. Mit einem bilateralen Handelsvolumen von 13 Milliarden Dollar im Jahr 2009 ist Deutschland heute weltweit der viertgrößte Handelspartner Mexikos.

Die wirtschaftliche Bedeutung Mexikos steht außer Frage. Seine Volkswirtschaft liegt weltweit auf Platz 15 und es gehört zu den größten Exportnationen der Welt. Mexikos Handelsvolumen beläuft sich auf etwa 500 Milliarden Dollar. Dank der Freihandelsabkommen mit 44 Ländern auf allen Kontinenten entfällt die Hälfte davon auf Exporte.

Mexiko und Deutschland pflegen eine intensive wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, in deren Mittelpunkt Energie, Umwelt und ein intensiver Kulturaustausch stehen

Heute, da geografische Entfernungen für Austausch und Verständigung kein Hindernis mehr darstellen, sind Hunderte deutscher und mexikanischer Studenten, Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer und Touristen, die tagtäglich den Atlantik überqueren, gleichsam moderne Forscher, die wie zu Humboldts Zeiten die Kontakte vertiefen und die Vernetzung unserer Gesellschaften voranbringen.

Eine ausgezeichnete politische Beziehung

Durch den Aufbau enger politischer Beziehungen und ein hohes Maß an Übereinstimmung wollen die Regierungen beider Länder der bestehenden Freundschaft und den zahlreichen Verbindungen auch auf politischer Ebene Ausdruck verleihen.

So wurden die politischen Kontakte auf höchster Ebene intensiviert. Präsident Felipe Calderón Hinojosa hat Deutschland bereits zwei Besuche abgestattet (Januar und Juni 2007). Hinzu kommt der Staatsbesuch am 2. und 3. Mai 2010. Bundeskanzlerin Merkel hat im Mai 2008 eine Mexikoreise unternommen.

Der bevorstehende Deutschlandbesuch von Präsident Calderón bietet nicht nur eine hervorragende Gelegenheit, den politischen Dialog zu vertiefen, sondern soll auch der Präsenz Mexikos in Deutschland Impulse verleihen. So wird Präsident Calderón zu Gesprächen mit deutschen Unternehmern zusammentreffen und an der großartigen „Frida Kahlo Retrospektive“ im Martin-Gropius-Bau teilnehmen. Einen weiteren Beitrag leistet die Ausstellung „Teotihuacán - Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt“, die ab Juni ebenfalls im Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird. Diese beiden Ausstellungen sind Höhepunkte des gemeinsam erarbeiteten Kulturprogramms zur 200-Jahrfeier der mexikanischen Unabhängigkeit und dem 100. Jubiläum der mexikanischen Revolution.

Darüber hinaus trägt der bevorstehende Besuch von Präsident Calderón zum Ausbau der biregionalen und multiregionalen Beziehungen unserer beiden Länder bei, die als Partner an der Globalisierung teilhaben und sich für Frieden und internationale Sicherheit einsetzen. Deutschland und Mexiko wirken aktiv an der Arbeit der G-20 mit und haben ihre Zusammenarbeit im Hinblick auf die bevorstehenden Gipfeltreffen in Kanada und Korea verstärkt. Ziel dieser Zusammenarbeit ist eine Reform des internationalen Finanzsystems und die Beteiligung der Schwellenländer an Entscheidungsprozessen.

Deutschland und Mexiko sind Partner im Kampf gegen die Erderwärmung, eine der größten Herausforderungen der Menschheit. Vor diesem Hintergrund nimmt Präsident Calderón am Petersberger Klimadialog teil. Diese Initiative der Bundeskanzlerin unter dem Motto „Aufbauend auf Kopenhagen - für einen Erfolg in Mexiko“ zielt darauf ab, die internationalen Verhandlungen über den Klimawandel voranzubringen. Mexiko ist Ende des Jahres Gastgeber der 16. Konferenz der Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (COP 16). Diese Konferenz muss zu konkreten Vereinbarungen führen, wenn der Klimawandel verhindert und seine Folgen abgemildert werden sollen.

Vor diesem Hintergrund ist der Besuch eine geeignete Plattform, um die deutsch-mexikanische Zusammenarbeit auch auf multilateraler Ebene zu fördern.

Privilegierte Partner

Deutschland und Mexiko sind durch eine privilegierte Partnerschaft verbunden und unterhalten einen konstruktiven Dialog auf allen Ebenen. Diese Übereinstimmung wird sicher in den nächsten Tagen deutlich werden, wenn der Präsident Mexikos ein Deutschland besucht, das 20 Jahre nach seiner Wiedervereinigung nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt eine wichtige Rolle spielt.

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