Gastkommentar : Warum das Neonazi-Potenzial im Osten wuchs

In Ostdeutschland ist die rechtsextreme Gewaltbereitschaft nicht erst mit dem Mauerfall entstanden. Doch danach gelang es Eltern und Erziehern nicht, Kindern die Werte für eine freiheitliche Demokratie zu vermitteln.

von
NPD-Aufmarsch in Jena.
NPD-Aufmarsch in Jena.Foto: dapd

Für das vergangene Jahr registrierte der Verfassungsschutz 762 rechtsextremistische Gewalttaten und 5600 gewaltbereite Neonazis. Unter Berücksichtigung der Bevölkerungszahl ist der Anteil der Personen mit ostdeutscher Herkunft mindestens doppelt so hoch wie der der Westdeutschen.

Die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten liegt in den neuen Ländern vielfach höher als in den alten und dürfte in der Statistik untertrieben sein, da das Tatortprinzip gilt. Wenn zum Beispiel ein Neonazi aus Rostock in Lübeck einen Obdachlosen, einen Türken oder einen Punk verprügelt, zählt sein Handeln offiziell als rechtsextreme Gewalttat für Schleswig-Holstein. Die in Westdeutschland verübten Morde der Thüringer Neonazi-Truppe werden insofern ebenfalls irreführend in die Statistik eingehen. Der Tagesspiegel zeigt die Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 auf einer interaktiven Karte.

Rechtsextremistische und ausländerfeindliche Einstellungen sind im Osten kein Phänomen, das erst nach dem Fall der Mauer einsetzte, im Gegenteil: Gewaltbereite Skinheads und Neonazis waren schon in den 80er Jahren im SED-Staat vielerorts anzutreffen. Wer ergründen will, warum Ostdeutsche auch 21 Jahre nach der Wiedervereinigung den überwiegenden Teil des gewaltbereiten neonazistischen Potenzials ausmachen, darf weder das DDR-Erbe noch den Transformationsprozess im wiedervereinigten Deutschland vernachlässigen.

Im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung rissen negative Schlagzeilen über ostdeutsche Jugendliche nicht ab. Sie hatten durchaus einen realen Hintergrund, auch wenn Eltern, Lehrern oder Politiker durch beschwichtigende Wortmeldungen die Probleme banalisieren wollten. Tag für Tag mehrten sich die Kreuze an ostdeutschen Landstraßen, wo sich zumeist Jugendliche zu Tode rasten. Ausländer oder auch nur fremd scheinende Menschen wurden wesentlich häufiger als im Westen Opfer von gewaltsamen Übergriffen. Schon in den ersten repräsentativen Meinungsumfragen nach dem Fall der Mauer wurde deutlich, dass das Ausmaß an Ausländerfeindlichkeit im Osten Deutschlands deutlich höher als in der Bundesrepublik ausfiel.

In vielen ostdeutschen Innenstädten dominierten in den 90er Jahren kahl rasierte Köpfe das Erscheinungsbild. Westliche Besucher glaubten, sich im „falschen Film“ zu befinden. Mehrere Umfragen stellten neben karriereorientierter Überanpassung ein hohes Ausmaß an Intoleranz und Gewaltbereitschaft unter ostdeutschen Jugendlichen fest. „Normale“ Jugendliche, die auch im Osten die Mehrheit stellten, wurden von den Betrachtern kaum zur Kenntnis genommen.

Im Bereich von Erziehung, Familie und Schule waren sich die deutschen Teilgesellschaften fremd geblieben, es prallten unterschiedliche Wertemuster aufeinander. Während in Westdeutschland die 68er Generationsrevolte vieles veränderte – gewiss nicht immer zum Besten –, hatte sich in der DDR an den hergebrachten autoritären Erziehungsformen und -inhalten wenig geändert. Die SED brauchte den sozialistischen Untertan, nicht den mündigen und selbstbewussten Bürger. Die Sozialisation erfolgte in der DDR überwiegend in staatlichen Institutionen. Von der Kinderkrippe bis zur Hochschule wurden Kinder und Jugendliche mit ideologischen Formeln traktiert, auf Unterordnung getrimmt und auf Kollektivität eingeschworen. Der sozialistische Staat setzte Rahmenbedingungen, die Sicherheiten versprachen, Gewissheiten vermittelten und dem Einzelnen Entscheidungen abnahmen oder verwehrten. Wegen der Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile und deren Vereinnahmung durch gesellschaftliche Organisationen blieb in der Familie wenig Zeit füreinander.

Die Spur der Neonazi-Mörder
November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: dapd
20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Mit dem Ende der DDR brachen für Eltern und Lehrer erprobte Gewissheiten und Orientierungen zusammen. In dieser Situation griffen viele von ihnen auf altbewährte Muster zurück, um von ihrer angegriffenen Autorität und der verlorenen Sicherheit, ja sogar Planbarkeit des Lebens zu retten, was nicht zu retten war. Viele überkommene „Werte“ und Verhaltensnormen der SED-Diktatur feierten dadurch gerade in Schulen und Familien ein unerwartetes Comeback. Andere Eltern setzten aus Angst, etwas falsch zu machen, ihren Kindern gar keine Grenzen und überließen sie sich selbst.

Teile der Jugend probten derweil den Aufstand gegen die aus dem Westen verordneten Institutionen und Werte. Denjenigen, die mit der Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels nicht mithalten konnten, blieb nur der Tabubruch in einer Gesellschaft, die auf die Langsamen und Zurückgebliebenen wenig Rücksicht nahm.

121 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben