Gastkommentar : Wirtschaftsthemen in Schulbüchern: Zynisch und falsch

Eine Studie untersucht die Qualität der Darstellung ökonomischer Themen deutschen Schulbüchern. Die Ergebnisse sind zum Teil erschreckend. Neben gravierenden Fehlern gibt es eine starke Tendenz zur Emotionalisierung.

Justus Lenz
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Foto: privat

Um die Vermittlung von Kompetenzen in wirtschaftlichen Fragen während der Schulzeit stand und steht es in Deutschland nicht besonders gut. Dies hat sich zuletzt auch während der Finanzkrise gezeigt, die eine weit verbreitete, teilweise erschütternde Unkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge offenbarte – sowohl theoretischer als auch praktischer Natur.

Deshalb wurde nun in einer Studie die Qualität der Darstellung ökonomischer Themen in 52 deutschen und 21 schweizerischen Schulbüchern untersucht. Die Ergebnisse sind zum Teil erschreckend. Neben gravierenden Fehlern gibt es eine starke Tendenz zur Emotionalisierung wirtschaftlicher Themen.

Ein besonders drastisches Beispiel zeigt sich in einer Passage in einem Erdkundebuch, in der Wirtschaftswachstum mit der Entstehung von Arbeitslosigkeit gleichgesetzt wird. Da heißt es: „Ständiges Wirtschaftswachstum und damit wachsender Wohlstand haben aber in zunehmendem Maße auch Arbeitslosigkeit zur Folge.“ Besonders zynisch wird diese falsche Aussage, da sie die These belegen soll, Wirtschaftswachstum sei eventuell kein erstrebenswertes Ziel für Entwicklungsländer – wobei natürlich kein Wort über mögliche Alternativen verloren wird.

Eine ähnlich bedenkenswerte Passage findet sich in einem weiteren Erdkundebuch. Hier werden Armut, wirtschaftliche Schwäche und ungerechtfertige Bereicherungen im Zuge der Transformation in Russland pauschal der „Einführung der Marktwirtschaft“ zugeschrieben. Das von einer „Einführung der Marktwirtschaft“ in den frühen 90er Jahren in Russland nicht die Rede sein kann, wird verschwiegen, obwohl dort immerhin bis auf den heutigen Tag ein oligarchisches, vom Staat stark beeinflusstes Wirtschaftssystem existiert, in dem Korruption und Rechtsunsicherheit vorherrschen (man denke nur an den Fall Chodorkowski). Marktwirtschaftliche Strukturen sehen anders aus.

Vielfach wird auch der Eindruck erweckt, die „soziale Frage“ hätte erst mit der Industrialisierung begonnen. Die vorherige, oft bedrückende Situation der Landbevölkerung wird dagegen meist verschwiegen. Eines der Bücher weist eine Darstellung der Marx’schen Revolutionstheorie auf, die unkritisch unter Verwendung der DDR-Terminologie als „wissenschaftlicher Sozialismus“ bezeichnet wird. Die größten Diskrepanzen zeigten sich allerdings nicht zwischen den beiden untersuchten Ländern (auch wenn die schweizerischen Bücher insgesamt besser abschnitten), sondern zwischen den einzelnen Fächergruppen. Die Erdkundebücher weisen die stärksten Tendenzen zur verzerrten und auch teilweise falschen Darstellung wirtschaftlicher Themen auf, während beispielsweise die Qualität der Wirtschaftskundebücher bis auf einige Schwachstellen als gut bezeichnet werden kann.

Auch die Behandlung praktischer Themen gehört zu den Lichtblicken – beispielsweise wenn den Schülern erklärt wird, was man bei der Erstellung einer Einkommensteuererklärung beachten sollte. Neben der neutralen Darstellung theoretischer Zusammenhänge sollten gerade auch solche praktischen Fragen in Deutschland in jeder Schulform unterrichtet werden – je früher desto besser. Warum sollte die Schule nicht auf die Ausbildung einer gewissen praktischen Klugheit bei wirtschaftlichen Fragen hinarbeiten? Dies nicht zu tun, wäre unverantwortlich – vor dem Hintergrund der mangelhaften Ausbildungsreife sowie der offenbar weit verbreiteten Unmündigkeit in wirtschaftlichen Belangen.

Außerdem ist die Frage der ökonomischen Bildung auch eine der Chancengerechtigkeit und mitentscheidend für den zukünftigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt unseres Landes.

Der Autor arbeitet am Lehrstuhl für Institutionenökonomie und Wirtschaftspolitik an der Universität Erfurt und ist Research Associate der Thüringer Zweigniederlassung des HWWI. Die Studie wurde im Auftrag des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit erstellt.

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