Gezielte Tötung : Auch Feinde sind Menschen

Die gezielten Tötungen in Afghanistan müssen ethisch abgewogen werden. Bei solch schwierigen Entscheidungsprozessen hilft Empörung nicht weiter. Dazu gehört auch das Eingeständnis, dass es keine einfache, von Schuld freie Lösung gibt. Ein Kommentar.

Michael Bongardt

Du sollst nicht töten! Dieses Verbot findet sich nicht nur in der Bibel, sondern in nahezu allen Traditionen und Kulturen. Aus der Überzeugung, dass Töten verboten ist, speiste sich auch die Empörung in den vergangenen zwei Wochen. Sie richtete sich auf die bekannt gewordenen Namenslisten derer, die in Afghanistan gezielt getötet werden sollen; und auf General Petraeus, der seine Strategie unnachgiebiger Härte gegen die Feinde in Afghanistan vorgestellt hatte.

Aber ist, was da bekannt wurde, wirklich so außergewöhnlich? Nicht nur das Tötungsverbot ist uralt: auch das Töten. Wo immer Menschen zusammenleben, kam und kommt es zu Konflikten, zu nicht selten tödlicher Gewalt. Doch diese Realität macht moralische Überzeugungen nicht sinnlos. Ethisch gut begründete Normen legen die Latte hoch. Wer sich nicht an sie hält und dennoch als verantwortungsbewusst und moralisch gelten will, muss mindestens ebenso gewichtige Gründe nennen, die sein Handeln rechtfertigen.

Genau hier beginnt das schwierige Geschäft des Abwägens von Gründen. Dabei geht es nicht nur um politische oder militärische Strategien, sondern stets auch um die ethischen Grundlagen der Gesellschaft – heute der Weltgesellschaft. Es steht allerdings nicht zu erwarten, dass solches Abwägen zu einer konfliktfreien Einigung führt. Denn so werden etwa der Wert der Gemeinschaft und das Gewicht des einzelnen Lebens keineswegs in allen Kulturen ins gleiche Verhältnis gesetzt. Auch die Verpflichtungskraft religiöser Überzeugungen und die Wertschätzung von Autonomie und Freiheit werden mit sehr unterschiedlichen Gewichten versehen. Gerade deshalb aber ist das ethische Abwägen und Vergleichen unverzichtbar.

Doch darf man das Leben von Menschen überhaupt „abwägen“? Hat es nicht absoluten und höchsten Wert? Dagegen sprechen andere Erfahrungen: Menschen, die ihr Leben riskieren, um andere zu retten, wird höchster Respekt entgegengebracht. Auch wird von kaum einer ethischen Tradition das Recht auf Selbstverteidigung, ja zur Tötung aus Notwehr, infrage gestellt. Der „Tyrannenmord“, der vielen Menschen das Leben rettet, wird oft als gute Tat verstanden. Eine lange, aber umstrittene Tradition sucht nach Kriterien für einen „gerechten Krieg“. Nicht zuletzt versucht man, durch das Kriegs- und Völkerrecht selbst im Krieg wenigstens Grundformen von Humanität zu sichern.

Vor diesem Hintergrund gilt es nun auch die Strategien im Afghanistankrieg zu prüfen. Wer dabei gegen die gezielte Tötung von Menschen votiert, muss nicht notwendig ein naiver Idealist sein. Er kann etwa – wie die Bundeswehr – die Gefangennahme feindlicher Kämpfer deren Tötung vorziehen. Wer für diese Tötung spricht, ist nicht zwangsläufig skrupellos, sondern kann mit der Hoffnung argumentieren, so viele Leben auf beiden Seiten der Front zu retten. Bei solch schwierigen Entscheidungsprozessen hilft Empörung nicht weiter, sondern nur nüchternes Abwägen. Dazu gehört auch das Eingeständnis, dass es keine einfache, von Schuld freie Lösung gibt.

Ist Empörung also unangebracht beim Blick nach Afghanistan? Nein. Mindestens zwei Tatbestände verdienen sie: Wenn tatsächlich eine große Zahl von Namen auf den Tötungslisten steht, wenn auch nur bei einigen von ihnen lediglich vage Verdachtsmomente vorliegen – dann ist die Grenze des ethisch Verantwortbaren überschritten. Gleiches gilt für die Sprache, in der Petraeus seine Strategie verkündet hat. Er sprach in Bildern der Jagd auf Tiere. Diese Sprache schließt den Feind aus dem Kreis der Menschen aus. Sie reduziert die ethischen Bedenken, die Tötungshemmungen der eigenen Soldaten. Das ist eine uralte militärische Strategie. Sie macht den Krieg leichter – und nach dem Krieg das Zusammenleben von Siegern und Besiegten viel schwerer. Beides ist ethisch nicht zu verantworten. Denn auch der ärgste Feind ist ein Mensch.

Der Autor ist Vizepräsident der FU Berlin und dort Leiter des Instituts für Vergleichende Ethik.

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