Offener Brief an Christian Wulff : Gehören wir Ungläubigen auch dazu?

"Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", sagte Christian Wulff in seiner Bremer Ansprache. Henryk M. Broder und Reinhard Mohr meinen, das sei gut gemeint, mache die Sache aber nicht besser.

Henryk M. Broder, Reinhard Mohr
Christian Wulff bei seiner Bremer Ansprache.
Christian Wulff bei seiner Bremer Ansprache.Foto: AFP

Verehrter Herr Bundespräsident,

in Ihrer Bremer Ansprache zum zwanzigsten Jahrestag der deutschen Vereinigung haben Sie viel – womöglich: allzu viel – Richtiges gesagt. Fast alles wurde angesprochen, fast nichts blieb ungesagt. Ein Massenauflauf von Allgemeinplätzen. Eine typische Sonntagsrede eben. Nebbich.

Eine Passage aber hat uns doch irritiert. Sie sagten wörtlich:
"Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland."

Böswillige Spötter könnten nun frei nach Richard David Precht nachfragen: Welcher Islam eigentlich, und wenn ja, wie viele? Aber wir wollen seriös bleiben.

Gewiss, das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, genauso wie Beethovens Neunte, Veronica Ferres, die Currywurst, die Bielefelder Fußgängerzone und Schalke 04.

Aber finden Sie nicht auch, dass Ihre Formulierung „gehört zweifelsfrei“ ein kleines bisschen euphemistisch klingt? Ein wenig untertrieben, wie ein beliebiger Appendix, ein Anhängsel, Teil einer tendenziell endlosen Aufzählung, zu der auch Günther Netzer und Gerhard Delling gehörten?

In Bayern würde man dazu sagen: Adebei – auch dabei.

Auch der von Ihren Redenschreibern pflichtschuldigst formulierte Hinweis auf die "christlich-jüdische Geschichte" ändert daran nichts. Es ist nur eine jener Leerformeln, von denen Ihre Rede strotzt. Und wenn Sie schon diese abgenutzte Formel benutzen, dann hätten Sie wenigstens erwähnen müssen, dass die christlich-jüdische Geschichte Deutschlands Jahrhunderte lang vor allem eine Geschichte der Glaubenskriege, der Unterdrückung, des Antisemitismus und der Gewalt war, vom Holocaust zu schweigen.

Aber wir verstehen natürlich: Sie meinten die Kultur des Abendlandes. Doch hier fehlt dann wieder das entscheidende Wort: Aufklärung. Es kommt in Ihrer Rede nicht vor. Weder Kant noch Voltaire, weder Spinoza noch Moses Mendelssohn. Das ist kein Zufall, denn auch die alten Römer und Griechen kommen bei Ihnen ja nicht vor, weder Aristoteles noch Sokrates oder Seneca. Kurz: Die gesamte europäische Geschichte von Aufklärung, Revolution und Humanismus ist Ihnen keinen einzigen Satz wert. Dabei ist sie doch die Grundlage unserer demokratischen Republik.

Apropos Republik: Indem sie „den Islam“ gleichberechtigt neben Christentum und Judentum stellen, erwecken Sie trotz Ihrer rhetorischen Relativierung des adebei den Eindruck, als sei das vereinte Deutschland keine zivile, säkulare Republik freier Bürger, sondern die Summe seiner Religionsgemeinschaften, eine Art multikulturelle Glaubenskongregation, ein einziger fortwährender Kirchentag unter dem gemeinsamen Vorsitz von Margot Käßmann, Kardinal Meissner, Charlotte Knobloch und dem Zentralrat der Muslime.

Absurd genug, aber selbst wenn es so wäre, müssten wir erst recht fragen: Und was ist, bitteschön, mit den Baha’i und den Buddhisten, mit Hindus und Anhängern evangelikaler Sekten, mit orthodoxen Juden und Paderborner Diaspora-Katholiken? Und was mit den frei schwebenden Esoterikern aller Glaubensrichtungen, Vegetariern und Veganern, den Apokalyptikern und Verschwörungsliebhabern aller Bundesländer?

Unsere dringendste Nachfrage, verehrter Herr Bundespräsident, betrifft allerdings uns selbst, zugegeben: merkwürdige Menschen, die, obzwar zutiefst in der christlich-deutsch-jüdisch-polnisch-hessischen Geschichte verwurzelt, gar nicht religiös sind und, pardon, keiner Glaubensgemeinschaft wirklich angehören.

Kurz: Was ist mit uns Ungläubigen und Agnostikern, uns ewigen Zweiflern, Kritikastern und Rotweintrinkern?

Gehören wir auch dazu? Sind Sie auch unser Bundespräsident, womöglich mit derselben "Leidenschaft", mit der Sie Präsident aller Muslime sind? Und worin würde sich diese Leidenschaft dann offenbaren?

Vielleicht gar in der öffentlich geäußerten Erkenntnis, dass sich Demokratie, Freiheit und Menschenrechte in unserer „christlich-jüdischen Geschichte“ fast immer im Kampf der Aufklärung gegen die Macht der Religion und des Glaubens durchgesetzt haben? Ein Kampf, der bis in die jüngsten Tage reicht, denken wir nur an unseren Mitbruder Ex-Bischof Mixa.

Wie aber wäre dies wiederum mit Ihrer Formulierung zu vereinbaren, "der Islam" gehöre "zweifelsfrei" zu Deutschland?

Wir wissen, Sie haben es gut gemeint, aber das macht die Sache nicht besser. In Ihrer ersten Rede nach Ihrer Wahl zum Bundespräsidenten haben sie erklärt, Sie wollten die Mauern in den Köpfen einreißen, die Gräben zuschütten und Brücken bauen. Wenn das die Arbeit ist, die ein Präsident leisten muss, dann wären wir mit einem Hoch- und Tiefbauingenieur besser bedient gewesen. Unser Verdacht, dass es Ihnen eher auf die Verpackung als auf den Inhalt ankommt, hat sich leider bestätigt.

Es wäre richtig gewesen, die Muslime in Deutschland willkommen zu heißen und bei dieser Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass sie - ebenso wie die DDR-Bürger vor dem Fall der Mauer - mit den Füßen abgestimmt haben. Dass sie aus Ländern gekommen sind, in denen es keine Demokratie, keine Meinungsfreiheit, keine Gewaltenteilung, keine Gleichberechtigung, nicht einmal das Recht gibt, seinen Ehepartner frei zu wählen. Indem Sie aber den Islam willkommen geheißen haben, haben Sie auch all das willkommen geheißen, wovor Millionen von Moslems geflohen sind. Es ist, als hätte ein Bundespräsident im Jahre 1980 nicht die Mauerspringer, sondern den real existierenden Sozialismus umarmt.

Wir haben den Verdacht, dass auch Sie sich von der Wirklichkeit weit entfernt haben. Fahren Sie doch mal nach Duisburg-Marxloh, wo vor kurzem die größte Moschee Deutschlands eingeweiht wurde, wobei alle Politiker betonten, jetzt sei der Islam "in Deutschland angekommen". Und reden Sie mit den einfachen Leuten in Duisburg-Marxloh, die in der Nähe der Moschee leben und arbeiten. Es sind alles Moslems. Sie werden Ihnen erzählen, dass für den Bau der Moschee Millionen ausgegeben wurden, während für Sprachkurse kein Geld da ist. Und versuchen Sie dann einmal, unangemeldet in die Moschee zu kommen, so wie sie jede Kirche in Deutschland unangemeldet besuchen können. Sie werden was erleben.

Fahren Sie mal nach Mönchengladbach, wo die Bürger im Ortsteil Eicken gegen einem Moscheeverein demonstrieren, der sich "Einladung zum Paradies" nennt, wo sich jeden Freitag Moslems zu einer gespenstischen Gebets-Demo am Marktplatz versammeln und dabei die Einwohner belästigen, die der Meinung sind, dass Religion Privatsache ist. Oder laufen Sie einfach mal bei einer "Al-Quds"-Demo mit und hören Sie sich an, welche Parolen dabei gerufen werden. Und wenn Sie dann immer noch der Meinung sind, "der Islam" gehöre "zweifelsfrei" zu Deutschland, dann reden Sie mit den Häretikern unter den Moslems, die Ihnen erzählen werden, was sie "daheim" erlebt haben.

Sie haben in Ihrer Rede zwei Gruppen besonders gewürdigt: Die Ostdeutschen und die Moslems. In der Tat haben beide einiges gemeinsam: Den Mangel an demokratischer Praxis und ein Defizit in der Kunst der Selbstkritik. Allerdings haben sie uns wohlstandsgesättigten Westdeutschen etwas voraus: Die Erfahrung einer Diktatur. Und deswegen haben viele auch ein gutes Gespür für falsche Töne, leere Versprechen und wohlfeile Komplimente. Wie zum Beispiel unser Kollege Hamed Abdel-Samad, der vor 15 Jahren aus Ägypten nach Deutschland gekommen ist. Der Sohn eines Imams sagt über sich selbst, er sei "vom Glauben zum Wissen konvertiert".
Machen Sie es ihm doch bitte nach.

Shalom, Salam und Grüß Gott!

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