Streaming-Dienste : Was das Fernsehen von "Apple Music" lernen kann

Der Streamingdienst "Apple Music" will herausfinden, welche Musik den Nutzern gefällt – mit echten Menschen, nicht mit Algorithmen. Würde das Prinzip auch für das Fernsehen funktionieren? Ein Kommentar.

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In dieser Woche hat Apple seinen Streaming-Dienst "Apple Music" gestartet.
In dieser Woche hat Apple seinen Streaming-Dienst "Apple Music" gestartet.Foto: dpa

In der vergangenen Woche stand fast überall, dass etwas passiert sei, was es quasi noch niemals gab: Seit der Einführung der Charts-Erfassungen im Jahr 1962 waren ausschließlich deutschsprachige Musikalben in den Top Ten. Das sind dann also Sachen dabei von Celo & Abdi, Santiano oder Sarah Connor. Das meiste kenne ich nicht. Den Namen Sarah Connor habe ich schon einmal gehört. Ich glaube, das ist die Mutter vom Terminator.

Ich höre kaum Musik, weil ich immer so viel Fernsehen schauen muss. Aber ich erinnere mich, dass der Schlagersänger Heinz-Rudolf Kunze vor fast 20 Jahren im „Spiegel“ eine Quote für deutschsprachige Musik im Radio forderte. Kunze wollte, dass maximal 60 Prozent der gespielten Titel fremdsprachig zu sollten – der Rest doch bitteschön in Muttersprache. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: Ja – der Kunze. Reimte mal Schmerz auf Herz. Da braucht man schon eine Quote, damit die Leute das hören.

Apple will Spotify Konkurrenz machen

Als ich jünger war, war deutschsprachige Musik das allerletzte. Das war die Zeit, als Matthias Reim einen Hit hatte und sich die Ärzte gerade aufgelöst hatten. Phillip Boa sang auf englisch. Es gab immerhin Advanced Chemestry, aber eben auch die Fantastischen Vier. Es gab noch nicht Blumfeld, nicht Tocotronic, und es gab keinen Hamburger HipHop. Die Musik, die man so hörte, kam aus den USA oder aus England – die aus England war besser, denn sie war wie ein Versprechen: Das Leben kann wild und gefährlich sein, und wenn es dich mal traurig macht, dann hilft ein Kuss oder ein Bier. Der Soundtrack für westdeutsche Bürgerkindsdepressionen. Im Rückblick ist man ja nicht auf alles stolz, was man in der Jugend gut fand.

Seit dieser Woche gibt es ja nun „Apple Music“ – der Streamingdienst, der alle anderen Streamingdienste überflüssig machen soll, vor allem Spotify. Spotify hat im Moment 75 Millionen Nutzer, die entweder Musik kostenlos hören (mit Werbeunterbrechungen) oder knapp zehn Euro im Monat bezahlen. Beim Apple-Angebot kann man drei Monate umsonst und ohne Werbung Musik streamen, danach kostet der Dienst auch knapp zehn Euro. Dafür hätte man dann theoretisch 30 Millionen Lieder zur Auswahl. Weil kein Mensch aber 30 Millionen Lieder hören will, sondern nur Lieder, die einem gefallen, will Apple herausfinden, welche das denn sein könnten, um sie ihren Nutzern vorzustellen. Man kann angeben, welche Musikrichtungen man gerne hört und welche Künstler man mag. Angeblich suchen dann echte Menschen und keine Computerprogramme nach Empfehlungen für die Nutzer – aber wenn ich mir anschaue, was die mir in den vergangenen Tagen empfohlen haben, dann müsste ich den Musikgeschmack eines Geisteskranken haben. Es waren auch deutschsprachige Sachen dabei.

Was ich mich frage: Würde dieses Prinzip auch fürs Fernsehen funktionieren? Netflix funktioniert ja schon ein wenig so, aber man könnte es bestimmt noch konsequenter machen. Wenn ich im Fernsehen ein paar Mal die „heute-show“ gesehen habe, dann könnte mir das ZDF, wenn ich den Fernseher einschalte, „Die Anstalt“ empfehlen – und den Rest einfach weglassen. Mit einem Schlag würden die Deutschen weniger fernschauen und sich nicht mehr so sehr über das Programm aufregen.

Und der Job des Fernsehkritikers wäre überflüssig.

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