Tuberkulose-Konferenz in Riga : Das könnte das Ende der Tuberkulose in Europa sein

Die Epidemie vor unserer Haustür. Tuberkulose ist eine hartnäckige Krankheit, deren Heilung möglich aber teuer ist. In Osteuropa ist sie eine Arme-Leute-Krankheit. Das muss aber nicht so bleiben. Ein Kommentar.

Guntis Belēvičs Heidemarie Wieczorek-Zeul Lucica Ditiu
In der Ukraine hatten Tuberkulosepatienten schon vor der aktuellen Krise große Probleme behandelt zu werden. Das Foto entstammt einem Foto-Essay von Mischa Friedman im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation.
In der Ukraine hatten Tuberkulosepatienten schon vor der aktuellen Krise große Probleme behandelt zu werden. Das Foto entstammt...Foto: Mischa Friedman/WHO

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Erdbeben und einer Epidemie. Ein Erdbeben kommt plötzlich. Es hat eine sofortige Auswirkung. Eine Epidemie ist das genaue Gegenteil. Sie kommt oft schleichend. Heimlich. Langsam. Lange vor dem tatsächlichen Ausbruch beginnen viele Epidemien bereits, die Schwächsten und die Anfälligsten ihr Leben zu kosten. Und wir müssen uns leider eingestehen, dass dies einer der Gründe dafür ist, weshalb wir sie meist recht spät erkennen und dagegen vorgehen. Manchmal zu spät. Dieser Text beschäftigt sich mit einer Epidemie, die bereits vor unserer Haustür wartet und die Schwachen und Anfälligen tötet.

Während der nächsten Stunde sterben in Europa fünf Personen an Tuberkulose und 41 Personen infizieren sich damit. Von London über Brüssel bis Bukarest ist die Tuberkulose grenz- und städteübergreifend wieder da. Die Gründe: verstärkte Arzneimittelresistenz, unzureichende politische Zusammenarbeit und das Unvermögen der Gesundheitssysteme, die dafür Anfälligen zu erreichen.

Zwar können die meisten Tuberkulosefälle mit einer sechsmonatigen Behandlung geheilt werden, doch haben die Erreger dieser Krankheit in Europa eine massive Arzneimittelresistenz entwickelt, die darauf zurückzuführen ist, dass Medikamente falsch verordnet werden oder die Behandlung vorzeitig abgebrochen wird. Unzureichende Investitionen und mangelhafte Aufmerksamkeit der Politik haben in den letzten beiden Jahrzehnten dazu geführt, dass auf Europa leider fast ein Viertel aller Tuberkulosefälle mit Arzneimittelresistenz weltweit entfallen. Die zunehmende Resistenz der Erreger von Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten ist übrigens ein Grund dafür, dass Deutschland Antibiotika-Resistenzen zu einem Hauptthema seiner G7-Präsidentschaft erklärt hat.

Tuberkulosebehandlungen sind teuer

Einer Untersuchung eines Teams von Gesundheitsökonomen aus Deutschland zufolge verursacht Tuberkulose den Regierungen Europas jährlich Kosten von mehr als 500 Millionen Euro, wobei die Behandlung eines arzneimittelresistenten Tuberkulosefalls bis zu 57 000 Euro kostet. Die Belastung für Patienten und Angehörige ist enorm: Man stelle sich vor, was es bedeutet, zwei Jahre lang täglich ins Krankenhaus gehen und sich einer Medikamentenbehandlung unterziehen zu müssen.

Der Tuberkulose-Erreger lässt sich mit vielen Antibiotika inzwischen nicht mehr behandeln.
Der Tuberkulose-Erreger lässt sich mit vielen Antibiotika inzwischen nicht mehr behandeln.Foto: Gudrun Holland/Robert-Koch-Institut/dpa

Nur einer von zwei Patientinnen und Patienten mit arzneimittelresistenter Tuberkulose in Europa wird erfolgreich behandelt; die anderen sterben oder werden erfolglos behandelt. Keine andere Region auf der Welt hat schlechtere Resultate bei der Tuberkulosebehandlung als Europa. Solange die arzneimittelresistente Tuberkulose in der Gesundheitspolitik Europas keine höhere Priorität erhält, ist niemand in Europa vor dieser extrem infektiösen Krankheit sicher. Jeder kann sich damit anstecken, indem er ein Tröpfchen mit einem arzneimittelresistenten Tuberkulosebakterium einatmet.

Trotz dieser erschreckenden Statistik könnte 2015 das Jahr werden, in dem ein neues Kapitel im Kampf gegen Tuberkulose beginnt. Am 30. und 31. März treffen sich in Riga unter der EU-Präsidentschaft von Lettland führende Mediziner und Medizinerinnen zu einer Konferenz mit dem gemeinsamen Ziel, bis 2025 die Tuberkulose als Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung Europas auszurotten. Lettland hat den Kampf gegen arzneimittelresistente Tuberkulose zu einem seiner Hauptziele erklärt und zeigt, was mit adäquaten Ressourcen, politischem Engagement und dem Bemühen, anfällige Bevölkerungsgruppen zu erreichen, möglich ist.

Guntis Belēvičs ist Gesundheitsminister in Lettland.
Guntis Belēvičs ist Gesundheitsminister in Lettland.Foto: promo

Trotz dieser Erfolge dürfen wir nicht vergessen, dass Tuberkulose keine Grenzen kennt. Europa hat Pläne für wirksames Vorgehen gegen Tuberkulose entwickelt, doch die notwendige politische Zusammenarbeit für den adäquaten Kampf gegen Tuberkulose fehlt. Ein Hauptziel der Konferenz in Riga ist die Erkundung von Möglichkeiten zur Durchsetzung grenzübergreifender Maßnahmen für die Erleichterung der Zusammenarbeit; hierzu gehören bilaterale Programme in den Ländern Europas. Von diesen Maßnahmen könnten die Millionen von Wanderarbeitern durch Prophylaxe profitieren, die jährlich ihr eigenes Land verlassen und in einem anderen Land arbeiten.

Der Globale Fonds kann in Osteuropa kaum helfen

Unzureichende Investitionen sind ein Haupthindernis dafür, dass die medizinische Versorgung auch die Anfälligen erreicht, beispielsweise Migranten, Obdachlose und Häftlinge. Viele von ihnen können sich eine Behandlung nicht leisten. Der Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria unterstützt seit seiner Gründung 2003 Programme für Risikogruppen. Etliche Länder verlieren jedoch bald ihren Anspruch auf Unterstützung durch diesen Fonds, da dieser seine begrenzten Ressourcen auf die ärmsten Länder beschränkt.

Dadurch besteht die Gefahr, dass solche Programme eingestellt werden, wenn die Regierungen nicht bei der Finanzierung einspringen. Dies wäre eine Tragödie und würde zu einer weiteren, kritischen Ausbreitung arzneimittelresistenter Tuberkulose führen. Der Globale Fonds, die EU-Kommission und die Regierungen Europas sollten gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, mit denen gewährleistet ist, dass Risikogruppen während dieser Übergangszeit weiterhin Zugang zu einer Tuberkulosebehandlung haben.

Heidemarie Wieczorek-Zeul ist derzeit Vizepräsidentin des Vereins der Freunde des Globalen Fonds.
Heidemarie Wieczorek-Zeul ist derzeit Vizepräsidentin des Vereins der Freunde des Globalen Fonds.Foto: Tim Brakemeier/picture-alliance/dpa

Vor diesem Hintergrund passt das Motto des diesjährigen Welttuberkulosetags: Die drei Millionen erreichen: alle Erreichen, Behandeln, Heilen. („Reach the 3 Million: Reach, Treat, Cure Everyone.") Mehr als drei Millionen Personen mit Tuberkulose fallen jedes Jahr durch das Raster der Gesundheitssysteme und erhalten nicht die erforderliche Behandlung.

Europa darf sich von den Risikogruppen nicht abwenden, sondern muss dafür sorgen, dass diese Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung haben und wieder so gesund werden, wie alle von uns dies für selbstverständlich halten. Die EU-Präsidentschaft Lettlands ist daher die bedeutende Gelegenheit, Expertinnen und Experten an einen Tisch zu bringen und dieser Epidemie den Kampf anzusagen. Sehen wir tatenlos zu oder werden wir aktiv und wenden eine Krise ab, die schon viel zu lange auf unserer Schwelle sitzt? Wir dürfen nicht warten, bis uns die Tuberkulose trifft – wie ein Erdbeben.

 

Guntis Belēvičs ist Gesundheitsminister in Lettland. Heidemarie Wieczorek-Zeul war bis 2005 Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und ist derzeit Vizepräsidentin der Freunde des Globalen Fonds Europa. Lucica Ditiu ist Geschäftsführerin der Stop TB Partnership.

 

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