Andrej Lugowoi, Bürgermeisterkandidat : "Ich war’s nicht, London ist’s gewesen"

In Sotschi, den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 stellt Russlands Liberaldemokratische Partei einen umstrittenen Kandidaten auf: Andrej Lugowoi. Der ehemalige KGB-Mitarbeiter soll laut englischen Behörden Litwinenko radioaktive vergiftet haben. Ein Porträt.

Jens Mühling
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Foto: dpa

Droht im Dauerzwist zwischen London und Moskau nun ein britischer Boykott der Olympischen Winterspiele 2014? Möglich, denn im Austragungsort Sotschi finden am 26. April Bürgermeisterwahlen statt, für die Russlands Liberaldemokratische Partei einen äußerst kontroversen Kandidaten aufstellen will: Andrej Lugowoi.

Zu zweifelhaftem Weltruhm gelangte der ehemalige KGB-Mitarbeiter, als im November 2006 mitten in London der abtrünnige russische Geheimdienstler Alexander Litwinenko vergiftet wurde. Britische Ermittler verfolgten die Spuren des radioaktiven Gifts Polonium durch halb Europa und lasteten den Mord schließlich Andrej Lugowoi an. Dessen bis heute geforderte Auslieferung an die britische Justiz wurde jedoch von Moskau verweigert, weil sie gegen die Landesverfassung verstößt – und weil Russlands Staatsanwaltschaft erhebliche Zweifel an den Ermittlungsergebnissen der Briten geltend machte.

Vollends unmöglich wurde Lugowois Auslieferung dann, als der 43-jährige Unternehmer, der mit seiner Moskauer Personenschutzagentur ein Vermögen gemacht haben soll, bei den Duma-Wahlen 2007 für die Liberaldemokratische Partei ins Parlament gewählt wurde – und somit immun gegen Strafverfolgung war.

Seine Verstrickung in den Mordfall hat Lugowoi stets bestritten und stattdessen eine ganze Reihe eigener Theorien zu Litwinenkos Tod in Umlauf gebracht. Zuletzt deutete er an, dass Litwinenko, der auch für den britischen Geheimdienst gearbeitet haben soll, London lästig geworden sein könnte: „Großbritanniens Staatsmaschinerie hat eine direkte Verbindung zum Mord an Litwinenko.“

Dass die Liberaldemokraten und ihr nationalpopulistischer Chef Wladimir Schirinowski den umstrittenen Lugowoi nun für Sotschi aufstellen, werten russische Medien als reine Werbemaßnahme: Bei den Wahlen gilt ein Sieg des Amtsinhabers Anatoli Pachomow als ausgemacht. Dennoch wird die Wahl zum Stadtoberhaupt des Olympia-Austragungsorts in Russland mit Interesse verfolgt: Beworben hat sich auch einer der bekanntesten Oppositionellen, der ehemalige Vizepremier Boris Nemzow. Der kommentierte Lugowois Kandidatur als „Clownerie“, für die in Sotschi kein Platz sei. „Hier sind ernstere Dinge im Gange“, sagte Nemzow. „Diese Spiele werden ein groß angelegtes Abenteuer, ein Denkmal der Schlamperei und des Betrugs.“ Jens Mühling

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