Meinung : Ansteigende Fieberkurve

Dagmar Dehmer

Die Klimakonferenz in Marrakesch scheint die Kurve gerade noch zu kriegen. Doch selbst diese an sich undramatische UN-Tagung, bei der die letzten Details auf dem Weg zur Ratifizierung des Klimaschutzabkommens von Kyoto geklärt werden sollten, stand in der Nacht zum Freitag mal wieder vor dem Scheitern. Dabei waren im Sommer in Bonn die großen Konflikte abgeräumt worden. Sie wären in Marrakesch allerdings beinahe wieder aufgeschnürt worden, weil die russische Delegation behauptete, die Einigung von Bonn nicht verstanden zu haben, als sie dem Paket zustimmte. Deshalb mussten sich die rund 180 Umweltminister, die seit Mittwoch selbst verhandelten, vor allem um Russland kümmern.

Aber auch Japan und Kanada schossen weiter quer. Australien, das ebenfalls der Regenschirm-Gruppe angehört, die von den USA beherrscht wurde, als die USA sich noch für das Klima interessierten, gilt bei den Umweltschützern inzwischen als hoffnungsloser Fall. In Australien wird an diesem Wochenende gewählt. Und die konservative Regierung will das Kyoto-Protokoll nicht anerkennen. Der fünfte Kontinent macht es also dem Großen Bruder in Washington nach, ohne allerdings wie die USA den endgültigen Ausstieg aus den Verhandlungen zu erklären. Stattdessen übt sich Australien in Obstruktion.

Selbst die Europäer, denen die große Einigung von Bonn zu verdanken ist, haben in Marrakesch eine weniger glückliche Rolle gespielt. Die Italiener etwa sind durch ständige Kraftmeierei aufgefallen - der allerdings erfreulicherweise keine Taten folgten. Rom hat aber dennoch erfolgreich einen Spaltpilz gesät: Als es darum ging, ob so genannte Senken - also vor allem Wälder - wie eine Klimabank in die zweite Verpflichtungsperiode von 2012 an übertragen werden dürfen, waren plötzlich Schweden, Finnland, Frankreich und Dänemark dafür, während das EU-Verhandlungsteam dieses Ansinnen vehement ablehnte. Offenbar können selbst die im Klimaprozess stets hochgelobten Europäer nur dann Disziplin halten, wenn die Gefahr des Scheiterns droht.

Dabei ging es bei dieser letzten Klimakonferenz vor dem Erdgipfel im kommenden Jahr in Johannesburg um ein ernstes Thema. Der Klimawandel hat längst begonnen, wie die jahrelange Dürre in Afghanistan und einigen Regionen Indiens, die Zunahme der tropischen Wirbelstürme und das Abschmelzen der Gletscher in den Alpen deutlich zeigen. Mit dem Kyoto-Protokoll soll der Treibhauseffekt zumindest gebremst werden. Gelingt es nicht, das Abkommen nach zehn Jahren Verhandlungen endlich zu verabschieden, hätte die Welt bewiesen, dass sie nicht in der Lage ist, mit existenziellen Problemen fertig zu werden. Wird der Klimawandel nicht aufgehalten, wird es nicht mehr lange dauern, bis ganze Klimazonen der Erde unbewohnbar sein werden.

Was heißt das für den Kampf gegen den Terror? Wenn es der Weltgemeinschaft nicht einmal gelänge, ihren Planeten zu erhalten, wie soll dann eine Koalition gegen den Terror dauerhaft stabil bleiben? Zudem ist klar: Der Klimawandel führt zu politischer Instabilität. Millionen von Menschen werden auf der Flucht vor der Wüste, dem Wassermangel, Überschwemmungen und verheerenden Stürmen sein. Das sollte Grund genug sein, das Kyoto-Protokoll endlich zu unterzeichnen. Es sollte aber auch den größten Klimasünder der Welt, die USA, die allein für ein Viertel des Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich sind, dazu bringen, sich dem Protokoll doch noch anzuschließen. Denn wenn der Kampf gegen den Terror nicht nur eine militärische sondern auch eine politische Komponente haben soll, dann dürfen sich die USA nicht dauerhaft aus allen wichtigen internationalen Diskussionen heraushalten. Wer den Klimawandel aufhält, sorgt für Krisenprävention.

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