Meinung : Arbeitsmarkt: Der Abschwung vor dem Terror

Ulla Weidenfeld

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland steigt wieder - und das ausgerechnet im September, dem Monat, der traditionell am stärksten zum Abbau der Arbeitslosigkeit beiträgt. Das lässt für den kommenden Winter Schlimmeres befürchten. Denn selbst wenn die Konjunktur sich jetzt überraschend ganz schnell ganz stark erholen sollte, sind bis zum kommenden Frühjahr steigende Arbeitslosenzahlen programmiert. Kein Wunder, dass die Bundesregierung ihr Ziel, die Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr auf durchschnittlich 3,5 Millionen zu reduzieren, wieder kassiert hat. Jetzt aber schwinden die Aussichten, dass sie diesen Wert wenigstens bis zum Wahltag erreicht.

Wer einwendet, dass dieser September anders war als jeder andere zuvor, und dass nach den Anschlägen von New York und Washington und in Erwartung eines Krieges niemand Arbeitsplätze schafft, hat zwar Recht. Nur ist das für den Arbeitsmarkt ein Argument, das erst in ein paar Monaten gelten wird: Schon im August war nämlich die Zahl der Arbeitslosen erstmals wieder über den Vorjahreswert gestiegen. Das zeigt, dass der Beschäftigungsaufbau in Deutschland schon in diesem Sommer zum Stillstand kam. Und zweitens sind die Folgen der Terroranschläge vom 11. September in der September-Statistik noch gar nicht enthalten.

Frühestens im November - nach Ablauf der mindestens sechswöchigen gesetzlichen Kündigungsfrist - werden wir wissen, wie viele Arbeitnehmer im unmittelbaren Zusammenhang mit den Anschlägen in einer ersten Kündigungswelle arbeitslos geworden sind. Oder wie viele Stellen gar nicht erst wieder besetzt wurden. Und bei den deutschen Luftfahrtgesellschaften, deren Angestellte in der Regel eine Kündigungsfrist von mindestens drei Monaten haben, werden wir noch später erfahren, ob und welche Spuren die Anschläge hinterlassen haben.

Nein, die Septemberzahlen zeichnen nur das Bild der schwachen Konjunktur - und der immer noch vorhandenen strukturellen Schwächen im Arbeitsmarkt. Im Aufschwung gehört Deutschland zu den Ländern, bei denen Wachstum zuletzt in mehr Arbeitsplätze mündet. Und im Abschwung zu denen, bei denen zuerst bei Neueinstellungen gespart wird und Zeitarbeitsverträge aufgelöst werden.

In den kommenden Monaten wird es noch düsterer mit der Arbeitsmarktstatistik. Weil der deutsche Arbeitsmarkt immer erst mit mehrmonatiger Verzögerung auf konjunkturelle Veränderungen reagiert, wird der Trend steigender Arbeitslosenzahlen noch mindestens fünf, sechs Monate anhalten - wenn der Abschwung tatsächlich bald seinen Wendepunkt erreicht. Und dann müsste der von den Politikern erwartete Aufschwung zum Jahresende auch noch sehr stark sein, damit das Wachstum so anzieht, dass die Unternehmen wieder mehr einstellen.

Tut er es nicht - und danach sieht im Moment vieles aus - wird es eng für den Arbeitsminister, den Kanzler und die ruhige Hand: Dann nämlich fallen die nächsten Bundestagswahlen in eine Zeit weiter steigender Arbeitslosigkeit. Und das war - wir erinnern uns - das Kriterium, an dem Bundeskanzler Schröder den Erfolg seiner Regierungsperiode gemessen haben wollte.

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