Atomdebatte : Radioaktives Roulette

Noch vor kurzem sprach die Bundesregierung über die Alternativlosigkeit und Ungefährlichkeit selbst ältester deutscher Kernkraftwerke. Jetzt aber können die Merkels, Westerwelles und Röttgens gar nicht schnell genug an den Ausschalter kommen.

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Ich mach das schon. Angela Merkel will jetzt alles auf den "Prüfstand" stellen.
Ich mach das schon. Angela Merkel will jetzt alles auf den "Prüfstand" stellen.Foto: dapd

Es ist wahrlich ein Wunder der Natur, dass den Merkels, Westerwelles und Röttgens, den wandelbaren Pinocchios der deutschen Politik, nicht allesamt lange Nasen wachsen, dass sie nicht wenigstens erröten und einen Moment die Augen niederschlagen. Aber nein, sie haben mal wieder alles richtig gemacht; doch sie merken nicht, welchen größten anzunehmenden Unsinn sie da schon wieder reden. Japan ändert alles, sagen sie. Aber warum stellt sich dann die Frage eines möglichen Flugzeugabsturzes auf deutsche Atomkraftwerke neu, wie Bundesumweltminister Röttgen behauptet? Für Fukushima kam die Gefahr nicht von oben. Die Natur hat ihr eigenes Drehbuch geschrieben, sagt der bayerische Umweltminister Söder, als höre er von Erdbeben zum ersten Mal. Aber was hat das zu tun mit den seit langem bekannten Problemen an den Notkühlsystemen in deutschen Werken? Was mit den schon immer zu dünnen Behälterwänden älterer Meiler?

Und die Bundeskanzlerin, promovierte Physikerin, ehemalige Umweltministerin, welche wirklich neue Erkenntnis hat sie gewonnen aus den Vorgängen in Japan – außer der, dass Atomkraft endgültig ein politisches Verliererthema ist? Wenn alles so sicher war wie behauptet, was will Merkel da jetzt auf den „Prüfstand“ stellen? Und wenn jetzt alles „ohne Tabus“ geprüft wird, was wurde dann bisher verschwiegen?

Man möchte sie ihnen allen gerne noch einmal vorlesen, ihre überheblichen Debattenbeiträge über die Alternativlosigkeit und die Ungefährlichkeit selbst ältester Kernkraftwerke für die nächsten Jahrzehnte. „Vor Neid erblassen“ würden die Skeptiker, wenn das Konzept umgesetzt sei, tönte es aus der schwarz-gelben Koalition noch vor kurzem. Jetzt aber können sie gar nicht schnell genug an den Ausschalter kommen, Parlamentsbeschlüsse, Gesetze und Verträge hin oder her, getrieben von einer hyperventilierenden Öffentlichkeit, die in die Apotheken rennt, um sich mit Jodtabletten einzudecken, weil auf der anderen Seite der Welt passiert, was hier angeblich unmöglich ist. Haltlos, haltungslos – führungslos. Man mag sich nicht vorstellen, wie diese Regierung reagiert, wenn ein ähnliches Unglück im eigenen Land geschieht.

Falls Merkel davon überzeugt bleibt, was sie vor Fukushima behauptet hat, dass nämlich die deutschen Atomkraftwerke sicher sind und noch für Jahre alternativlos, dann muss sie der Panik widerstehen, auch der eigenen vor einem Verlust von Wahlen. Dann muss sie führen, und das heißt: überzeugen. Wenn sie aber alles neu bewertet, dann muss sie deutlich sagen, dass sie sich geirrt hat – und, mit guten Gründen: warum. Das wird nicht einfach. Die Energieunternehmen erklären gerade in schöner Offenheit, die Sicherheitsnachrüstung sei ihnen zu teuer. Mit anderen Worten: Da wurde radioaktives Roulette gespielt, mit der Regierung als Croupier.

Von einem „Einschnitt“ spricht die Kanzlerin, und sie drückt damit aus, was viele Menschen empfinden. Aber was bedeutet das für Merkel und ihre Politik, ein Einschnitt? Wird sie künftig ehrlicher umgehen mit Folgen und Gefahren wachsenden, verschwenderischen Verbrauchs, ob das nun Energie betrifft oder Verkehr oder Ernährung? Oder wird sie, nachdem ein paar Werke vom Netz sind, den gerne vergesslichen Leuten weiter Honig ums Maul schmieren, Getreide ins Benzin mischen – und hoffen, damit wär’s erledigt, bis zur nächsten Wahl? Das wäre ein GAU. Aber dafür gibt es ja Handbücher. Da steht, für diesen Fall: Abschalten.

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