Auf den Punkt : Böse Puppe

Frank Jansen über die Diskussion um den Wachs-Hitler

Frank Jansen
Frank Jansen
Frank Jansen -Foto: Mike Wolff

BerlinDa sitzt er in seinem Bunkerraum, die Haare hängen wirr in der Stirn, die Augen starren ins Nichts. Ein Schurke am Ende seiner Tage: so wird Hitler jetzt in der Berliner Filiale von Madame Tussauds ausgestellt, die Szene könnte eine Momentaufnahme aus dem Film "Der Untergang" sein. Ähnlich heftig wie über das Werk von Bernd Eichinger wird nun über die Wachsfigur des gernegrößten Feldherrn aller Zeiten gestritten. Politiker von der CDU bis zu den Grünen empören sich im Einklang mit "Bild" über die Hitler-Puppe im Pappbunker. Ganz vorneweg hebt Michel Friedman den Zeigefinger und warnt vor der "Normalisierung des Bösen". Ausgerechnet Friedman, der im vergangenen Jahr für "Vanity Fair" ein monströses Interview mit Horst Mahler führte. Da propagierte der alte Neonazi gleich auf mehreren Hochglanzseiten seinen Judenhass. Einen besseren Auftritt konnte sich Mahler kaum wünschen. Friedman hätte, das darf man wohl vermuten, auch Hitler umfänglich interviewt, wäre der "Führer" nach dem Krieg noch aufzutreiben gewesen.

Nicht nur bei Friedman klingt die Aufregung um den Wachshitler schlicht übergeigt. Hitler ist keine unzeigbare Figur. Ihn zu verstecken, gebieten weder Politik noch Pietät. Wer jetzt den geschlossenen Marsch von Neonazis ins Berliner Madame Tussauds erwartet, hat den Rechtsextremismus unserer Zeit nicht begriffen. Die NPD und ihr Umfeld wollen in der Regel nicht als simpler Abklatsch der NSDAP begriffen werden. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass selbst die sehr pädagogisch wirkende Darstellung Hitlers als Finsterling doch eine kahlköpfige Dumpfbacke animiert, bei Madame Tussauds "Sieg Heil" zu brüllen. Dann ist eine saftige Geldstrafe fällig, das war's.

Und zur Pietät: Das Andenken an die Opfer des NS-Regimes wird durch diese Puppe vermutlich weder gestört noch gesteigert noch sonstwie beeinflusst. Schon weil dieser Wachshitler lächerlich wirkt, wie die Leihgabe einer Geisterbahn. Auch sein heroischer modellierter Doppelgänger bei Madame Tussauds in London bringt den Faschismus nicht zurück, obwohl sich immer wieder mal Jugendliche mit Hitlergruß dazustellen. Solchen Schwachsinn verkraftet die britische Demokratie so gut wie die deutsche. Wer eine Wachspuppe für die treibende Kraft der nächsten Machtergreifung hält, sieht Gespenster. Die reale Gefahr lauert woanders.

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