Auf den Punkt : Darwins Himmelfahrt

Kai Kupferschmidt über einen neuen Feiertag

Kai Kupferschmidt
Kai Kupferschmidt
Kai Kupferschmidt

BerlinWas sind wir für ein trauriges Volk! Schaut man sich unsere Feiertage an, könnte man meinen, wir hätten in den letzten 2000 Jahren nichts zum Feiern gehabt. Weihnachten: Jesu Geburt, Ostern: Jesu Auferstehung, Christi Himmelfahrt: Jesu Auffahrt zu Gott. Pfingsten: ja warum eigentlich Pfingsten? Laut Umfrage wissen das 73 Prozent der Deutschen ohnehin nicht - und ähnliche Zahlen gelten für die anderen Feiertage. Aber natürlich geht es auch hier um Jesus. An Pfingsten sollen seine Jünger vom Heiligen Geist erfüllt worden sein.

Da kommt ein Vorschlag der Giordano-Bruno-Stiftung gerade recht: Christi Himmelfahrt fordern sie, solle zum Evolutionstag umbenannt werden. Auf einer Internetseite sammeln die Evolutionisten virtuelle Unterschriften dafür. Der Vorschlag klingt zunächst schockierend. Aber warum eigentlich nicht? Die Unterzeichner haben Recht: Darwins Erkenntnis, dass wir mit allen anderen Lebewesen gemeinsam „Kinder der Evolution“ sind, ist in der Tat eine Einsicht, die man jedes Jahr aufs Neue feiern sollte. Und wir würden endlich einmal etwas feiern, das ein Mensch vollbracht hat, noch dazu einer, der vor nicht einmal 200 Jahren lebte. Und wenn die christliche Sicht der Welt mit zahlreichen Feiertagen bedacht wird, warum dann nicht auch die faszinierende und erhebende Sicht der modernen Biologie? Es wäre auch eine Geste an das Drittel der Deutschen die konfessionslos sind und vielleicht gerade noch an Jesu Geburt glauben, aber an den Rest eben nicht.

Das Hauptargument, das gegen den Vorschlag vorgebracht wird, ist das klassische „Weil wir das immer so gemacht haben“, dargeboten in unzähligen Varianten. Aber wenn ein Großteil der Deutschen den Anlass für Christi Himmelfahrt gar nicht kennt und eine Mehrheit auch nicht an ihn glaubt, dann sollte man doch darüber nachdenken, ob man mit so einem Feiertag nicht etwas mehr erreichen könnte. Wer weiß, wenn die Menschen sich einmal im Jahr das Wunder der Natur um uns herum vergegenwärtigen, vielleicht hilft das ja sogar beim Kampf gegen Umweltverschmutzung und Klimawandel. Das wäre ein Gewinn für die Gesellschaft und die Christen hätten ja nichts verloren. Schließlich können sie auch am Evolutionstag in die Kirche gehen. Sie hätte einfach noch einen Grund mehr, den Tag zu feiern.

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