Auf den Punkt : Der Fünf-Phasen-Politiker

Robert Birnbaum darüber, wie es mit Westerwelle weitergeht

Robert Birnbaum
Robert Birnbaum, Reporter der Parlamentsredaktion -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Niccolo Machiavelli und ein anderer, dessen Name auch mit M anfing, hätten ihre Freude an ihm. Na gut, der Feldzug gegen „spätrömische Dekadenz“ hätte dem klassisch gebildeten Politikberater aus dem Florenz der Renaissance wahrscheinlich ein Kopfschütteln abgenötigt. Aber ansonsten führt sein später Schüler Guido Westerwelle mustergültig vor, wie man im Medienzeitalter einen Kampf um die Stimmen jener führt, die man seinerzeit mit Brot und Spielen bei Laune hielt. Und das geht so:

Phase Eins: Du hast deinen Wählern das Blaue vom Himmel versprochen, aber bisher nichts geliefert? Du hast jahrelang mit einem Sparbuch rumgewedelt, aber, kaum an der Macht, nicht mal bei dir selbst gespart? Du bist also bei deinen Wählern in Ungnade gefallen? Mach’ ein neues Fass auf. Wähle möglichst schrille Worte. Aber achte genau darauf, dass es ein Popanz ist, dem Du den Kampf erklärst. Sage also zum Beispiel: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“ Es gibt gar keinen, der dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, nicht mal die Linkspartei? Umso besser. Nur Scheingefechte lassen sich anstrengungslos gewinnen.

Phase Zwei: Der politische Gegner hat Empörung über Dich ausgeschüttet? Der Koalitionspartner geht vornehm auf Distanz? Das Feuilleton hat spöttische Betrachtungen über spätrömische Dekadenz gestern, heute und morgen verfasst? Du hast eine ganz schlechte Presse? Na prima! Dein Name ist in aller Munde. Lass’ ab jetzt die „spätrömische Dekadenz“ weg. Beschränke dich auf einen anderen Spruch, einen, den sogar deine politischen Gegner unterschreiben: „Wer arbeitet muss mehr haben als der, der nicht arbeitet.“

Phase Drei: Die Kritiker haben den Schwenk nicht so schnell mitgekriegt und schießen immer noch scharf? Bestens! Sei tief beleidigt. Äußere völliges Unverständnis darüber, dass man hierzulande nicht mal mehr die Wahrheit sagen darf, die Wahrheit, jawoll!

Phase Vier: Alle Welt debattiert über Hartz IV, und jetzt aber ernsthaft? Gib’ ein Interview: „Ich habe nichts von meinen Worten zurückzunehmen. Aber manchmal muss man in diesem verkrusteten Land zu drastischen Formulierungen greifen, wenn man etwas bewegen will.“

Phase Fünf: Die Wahl, auf die das alles abzielt, ist gelaufen? Bei der Umsetzung des Hartz-IV-Urteils des Bundesverfassungsgerichts stellt sich jetzt heraus, dass es gar nicht anders geht als mit etwas erhöhten Sätzen? Schiebe dir Schulterpolster unter den Anzug. Trete nach der Koalitionsrunde vor die Kameras. Verkünde, dass nur durch deinen Heldenmut immerhin noch verhindert worden sei, dass die Hartz-IV-Sätze verdoppelt werden. Das hat nie jemand vorgehabt? Trete erneut in Phase Eins ein.

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