Auf den Punkt : Der Schwächere klagt

Malte Lehming:Was der Jubel über das Hartz-IV-Urteil über die Linke verrät

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

 Man klagt, beklagt, verklagt und wehklagt. Im Winter über Schnee und Eis und ganzjährig über soziale Ungerechtigkeiten wie Hartz, Managerboni, Prekariat. Ganz Deutschland jammert. Bei dieser Tätigkeit fühlt es sich am wohlsten. Goethe hat sich bei Eckermann einmal über „Lazarettpoesie“ beschwert, also über eine Art Weltschmerz-Dichtung, die statt Kraft und Mut zu vermitteln, Leiden- und Krankheitsbeschreibungen transportiert. Heute wimmelt es in Medien und Literatur von Lazarettpoesie. Sie gilt als sensibel und bewegend. Selbst Bushido hat sich in ein Weichei verwandelt. Was sich nicht geändert hat: Klagen und Verklagen sind bis heute ein Zeichen von Schwäche geblieben.

Das Kind petzt bei den Eltern, der Schüler beim Lehrer, der angeblich gemobbte Arbeitnehmer beim Chef. Wer sich allein nicht wehren kann, wendet sich an eine höhere Instanz. In der demokratisch verfassten Politik kann sich derjenige wehren, der Mehrheiten für seine Anliegen organisiert. Wer das nicht schafft, dem bleibt als Kompensation halt nur der Gang vors Gericht. Doch schon darin liegt die Botschaft: Ich gebe auf. Ich habe das Kräftemessen mit dem Gegner verloren. Ich spiele den beleidigten Nachbarn. Früher gab man sich in Kreisen, die sich als gesellschaftlich fortschrittlich verstanden, gerne kämpferisch. Man schwamm gegen den Strom, war unbequem, verstand die eigene Ideologie als Angriffswerk gegen Brauch und Spießertum. Diese Kreise sind heute konservativ und repressiv geworden. Die vier aufrechten SPD-Genossen von Hessen wurden verklagt, Thilo Sarrazin wurde verklagt, Dutzende von Verleumdungsklagen wurden von Linken angestrengt, denen eine Stasi-Tätigkeit angehängt worden war, Gerhard Schröder hat gar wegen irgendwelcher Toupetgeschichten geklagt. Papst Benedikt, Roland Koch oder Angela Merkel dagegen sind vergleichsweise tolerant. Sie bemühen keine höheren weltlichen Instanzen. Sie schauen nicht bei jedem bösen Wort, das über sie gesagt wird, als erstes darauf, wer schadenersatzpflichtig sein könnte. Das Gros der richterlich erstrittenen Repressionen in Deutschland kommt heute von links.

Vielleicht ist diese Mischung aus Wehleidigkeit und Petzereilust das Grundproblem der Linken. Einst kämpfte man für die Revolution, heute erschöpft man sich im Anti: Anti-Faschismus, Anti-Klerikalismus, Anti-Kapitalismus, Anti-Zionismus, Anti-Atomkraft, Anti-Genfood, Anti-Erderwärmung, Anti-Hartz. Und so füllt diese Linke keine Säle mit flammenden Reden mehr, sondern allenfalls noch Gerichtssäle mit Klagen gegen Thor-Steinar-Kleidung, Neonazi-Aufmärsche, Große Lauschangriffe, Hartz-IV-Berechnungen, Stasi-Berichte, Sarrazin-Buschkowsky-Zitate. Und weil das alles ist, was ihr geblieben ist, wird jeder Spruch aus Karlsruhe, der ihnen Recht gibt, wie der Sturm auf die Bastille gefeiert.

Wer Geschwister hat, kennt die ganze Wahrheit: Das Recht, das einem Kind die Eltern gewähren, an die es sich gewandt hat, ist als Befriedigung nie so groß wie die Schmach, überhaupt zu den Eltern gegangen zu sein und damit die eigene Schwäche eingestanden zu haben.

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