Auf den Punkt : Die USA wollen nicht schuld sein

Christoph von Marschall über die Sieger des G-20-Treffens

Christoph von Marschall
Christoph von Marschall
Christoph von Marschall, Tagesspiegel-Korrespondent in Washington.

BerlinNach dem G-20-Gipfel halten sich in Kontinentaleuropa viele zugute, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy seien die Sieger gegen Barack Obama. Denn sie hätten seinem Druck, weitere große Konjunkturprogramme aufzulegen, widerstanden. Und sie hätten ihrerseits Amerika und Großbritannien gezwungen, stärkeren Regulierungen der Finanzmärkte zuzustimmen, als die ursprünglich vorgehabt hätten. Diese Sichtweise muss man nicht teilen. Die Schlachtordnung in London war nicht so klar. Der neue US-Präsident konnte sich auf breiten Rückhalt stützen, nicht nur auf die Briten, auch auf Chinesen und Japaner. In dieser Frage war die Welt gespalten.

Kontinentaleuropäer, voran die Deutschen, und Amerikaner haben unterschiedliche Prioritäten in der Krise. Das liegt auch an ihrer jeweiligen Geschichte und dem Blickwinkel, welcher Aspekt der Weltwirtschaftskrise vor rund 80 Jahren der entscheidende war. Amerikaner sagen im Rückblick: Der Crash von 1929 war schlimm genug; schlimmer aber war, dass sich ein Jahrzehnt der Großen Depression anschloss. Das Grundübel aus US-Sicht war, dass der Staat damals nicht genug tat, um die Wirtschaft anzukurbeln. Der wichtigste Wunsch der Amerikaner ist jetzt, diesen Fehler nicht zu wiederholen. Konjunkturprogramme sind ihre oberste Priorität.

Das deutsche Trauma dagegen ist die Inflation, die nach dem Crash von 1929 unkontrollierbar wurde. Heute fürchtet die Bundesregierung, die Aufblähung des US-Budgets und durch Konjunkturprogramme plus Rettungspakete für die Banken, Versicherungen, Autokonzerne und den Immobilienmarkt werde über kurz oder lang zur Aufweichung des Dollars und zu weltweiten Inflationstendenzen führen.

Alles in allem sagen die Amerikaner: Lasst uns erstmal die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Mit den Folgeproblemen beschäftigen wir uns später. Die Deutschen wollen die Inflationsgefahr schon heute bei der Entscheidung über Konjunkturprogramme mit bedenken. Wer mit seinen Prioritäten und Bedenken Recht behält, weiß heute niemand. Das wird die Zukunft entscheiden. Selbst wenn sich in London eines der beiden Lager durchgesetzt hätte, könnte es passieren, dass sich dieser Triumph im Nachhinein als Niederlage erweist. Springt die Konjunktur nicht in absehbarer Zeit, wird der Verzicht auf größere Konjunkturprogramme im Rückblick als Fehler gelten. Wenn sich die Wirtschaft berappelt, aber dafür die große Inflation folgt, fällt das Urteil umgekehrt aus.

Das G-20-Treffen endete aber gar nicht mit dem Kantersieg einer Seite, sondern dem üblichen Kompromiss, der irgendwie allen gerecht wird, aber eben auch nichts entscheidend in eine Richtung bewegt. Tatsächlich ist in London etwas Bemerkenswerteres geschehen. Der neue US-Präsident Obama hat zugegeben, dass sein Land eine hohe Mitschuld an der Krise trägt. Sie begann in Amerika und sie hat weiterhin ihren Schwerpunkt in Amerika. Er wolle der Welt keine Lektionen erteilen, sondern zuhören und Rat annehmen. Das war besonders wichtig, weil dieses Eingeständnis über die US-Medien auch endlich mal die Amerikaner erreichte.

Generell gibt es in den USA erstaunlich wenig Schuldbewusstsein. Der allgemeine Ton ist eher vorwurfsvoll: Wir wissen, was jetzt zu tun ist, aber einige unserer Partner sträuben sich. Da hat Barack Obama einen wichtigen Kontrapunkt gesetzt - viel wichtiger als die Frage, ob er der Sieger oder der Besiegte war. Der einseitige Triumph in dieser Krise kennt nämlich auf Dauer keine Sieger, sondern macht alle zu Besiegten. Nur durch Kooperation und die Bereitschaft, andere Sichtweisen und Strategien zu bedenken, kann diese Krise bezwungen werden.

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