Auf den Punkt : Erhebt Euch!

Jost Müller-Neuhof über Klavierspielen am Sonntag

Jost Müller-Neuhof
Jost Müller-Neuhof (neu)
Jost Müller-Neuhof

BerlinWundervoll, dieses Klavierspiel. Der Pianist Lang Lang spielt Chopin, US-Präsident Barack Obama lauscht ergriffen, gleich wird er den Nobelpreis bekommen. Ein Moment Friede auf Erden.

Leider nicht überall. Jedenfalls nicht in Berlin, und schon gar nicht, wenn es ums Klavierspiel geht. Kurz bevor in Oslo Chopin erklang, gipfelte ein zäher Nachbarstreit am Donnerstag in einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts: Es hob ein Bußgeld wegen Klavierlärms auf. Die begabte Tochter einer achtköpfigen Familie hatte auch sonntags geübt. Am Sonntag! Der Nachbar hatte sich beschwert, er rief einen Polizisten, der erkannte auf Lärm statt Lang Lang. Die Tochter spielte also nicht, sie emittierte. Und verstieß damit gegen das hauptstädtische Lärmschutzgesetz, das es gerade am Sonntag verhindern soll, dass sich "jemand in seiner Ruhe erheblich gestört" fühlt, wie es wörtlich heißt.

Die höchsten Richter geben jedoch zu bedenken, dass man als talentierter Übender es so genau nicht wissen kann, wann man spielt oder wann man stört. Jedenfalls habe das Berliner Amtsgericht sich bei seinem Urteil auf das Urteil des Polizisten verlassen. Und es könne nicht sein, dass plötzlich Beamte auf Streife bestimmen, was als Lärm verboten sei - wir haben ja keine Geschmackpolizei.

Erst vor ein paar Tagen noch hatten dieselben Richter, die jetzt ein Herz für sonntägliches Klavierspiel zeigten, das sonntägliche Shoppen als schlimmen Hauptstadtsündenfall gegeißelt, weil der Sonntag doch der "Tag der Ruhe und der seelischen Erhebung" sein soll, wie im Grundgesetz steht. Was tut man nicht alles, um sich seelisch zu erheben? Chopin erlaubt, shoppen verboten? Ja zur Hoch-, nein zur Konsumkultur? Wir wissen es nicht, die Richter letztlich auch noch nicht. Das deutsche Sonntagsrecht steckt in seinen Anfängen. Dabei könnte alles so einfach sein: Jeder erhebt sich nach seiner Façon und achtet zugleich darauf, dass auch andere sich erheben können. So kommen wir alle in den Himmel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben