Auf den Punkt : Gedanken zu Lea-Sophie

Malte Lehming über den starken Staat und schwache Kinder

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wir leben in einem Land mit einem starken Staat. Der greift in viele Lebensbereiche ein. Autofahrer müssen regelmäßig ihren Wagen zum Tüv bringen. Halter gewisser Hunde müssen ihre Viecher an die Leine nehmen. Kein Kind entkommt der Schulpflicht. Jeder muss krankenversichert sein. Die Mittagsruhe ist einzuhalten. Am Sonntag müssen, bis auf wenige Ausnahmen, die Geschäfte schließen. Wer volljährig ist, muss einen Ausweis bei sich führen.

Auch die Gesinnung wird streng kontrolliert. Wer seinen Müll nicht trennt, wird von den Nachbarn ermahnt, wer Hitler mit Stalin vergleicht, geächtet, wer George W. Bush für einen guten Präsidenten hält, für verrückt erklärt.

Bloß kleine Kinder schützen: Das können angeblich weder der Staat noch die Nachbarn. Das konnte doch keiner ahnen, damit konnte keiner rechnen, sagen all jene, die die fünfjährige Lea-Sophie aus Schwerin kannten. Am Ende wog sie 7,4 Kilogramm, war elendig verhungert und verdurstet.

Die einfachste Maßnahme wären verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen für alle Vorschulkinder. Garantieren sie, dass nie wieder ein Kind verwahrlost, misshandelt wird oder gar stirbt? Nein, aber sie verringern die Wahrscheinlichkeit. Ersetzen sie weitere Maßnahmen wie schärfere Gesetze für Jugendämter? Nein, aber das eine zu tun, bedeutet nicht, das andere lassen zu müssen. Sind sie der Einstieg in einen Gesundheitsüberwachungsstaat? Nein, schon jetzt sind fast alle Eltern mindestens einmal pro Jahr mit ihrem Kleinkind beim Arzt. Diesen Besuch zur Pflicht zu machen, würde nur all jene treffen, die etwas zu verbergen haben.

Wer dagegen jetzt immer noch nörgelt – hat zu große Lücken, ersetzt nicht ein Gesamtkonzept, belastet die Krankenkassen, reglementiert die Eltern -, bewirkt faktisch nur eins: Dass sich gar nichts ändert, dass morgen wieder das Schicksal einer Lea-Sophie uns empört, aufrüttelt und tatenlos gelassen hat.

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